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»In Deine Hände lege
ich mein Leben«
Lieber Tim, liebe Eltern,
Verwandte und Freunde,
durch die Taufe, sagt man,
werden die Kinder in den Verband der Kirche eingegliedert, - auch rechtlich.
Man denkt dabei an den Bestand der Kirche samt der Kirchensteuer. Wir denken
an die gesellschaftlichen Chancen unseres Kindes: Im Kindergarten soll
es keine Nachteile haben. Religionsunterricht, Erstkommunion, Ferienfahrten
usw. - da soll Tim nicht daneben stehen. Und die meisten anderen Kinder
in der Umgebung sind ja auch getauft.
Aber: „Eingliederung“? –
Widerspricht das nicht eigentlich eher dem, was wir uns für unser
eigenes Leben – und für Tims Leben – wünschen? Widerspricht
das nicht dem Streben, ganz wir selbst zu sein? Wir bemühen uns doch
eher um Selbstfindung als um das Einfügen in eine Gruppe. Originalität
ist heute gefragt. Nicht die Übernahme angebotener Verhaltens- und
Sichtweisen. Ist das nicht demütigend? Abhängig zu sein von einer
Gemeinschaft? Mein Leben bestimme ich selber, sagen wir. Es geht niemanden
etwas an, was ich denke und tue. Dem Interesse der anderen an unserem Leben
begegnen wir skeptisch. Denn wir riskieren Einmischung, Kritik, Belehrung.
Wir haben da unsere Erfahrung. Öffentliches Leben, Leben, das wir
anderen mitteilen, wird schutzloser, empfindlicher, verletzbarer. Wir setzen
es dem Urteil der anderen aus. Wir sind nicht sicher vor dem Urteil derer,
die genau zu wissen meinen, was gut und böse, was notwendig und was
überflüssig ist. Wir haben das Fürchten gelernt vor denen,
die uns vorschreiben, welche Regeln wir unserem Leben geben sollen. Sollten
wir Tim dann nicht lieber wünschen, dass er lernt, allein mit dem
Leben fertig zu werden? Sollen wir ihm nicht lieber sagen: Verlass' dich
auf niemanden. Lass' Dir nicht 'reinreden in Dein Leben. Sei dein eigener
Herr.
Vor einiger Zeit war ich
in unserer Kreisstadt Landsberg am Lech. Da lagen in einem Schaufenster
für Schreibwaren kleine Spruchkärtchen und auf einer stand dann
auch: „Nur ich selbst kann mich wirklich glücklich machen.“ – Ein
innerliches Lächeln konnte ich mir da nicht verkneifen und ich habe
mir den Spruch dann auch notiert, weil er mir einfach zu naiv und geistlos
war. - Aber irgendwie passt das zum heutigen Lebensgefühl: Wir regeln
das schon, - wir sind die Macher von heute. Wir sind aktiv, haben alle
Hebel selbst in der Hand, - und wenn wir uns nur richtig bemühen -
und nichts unversucht lassen - , dann wird schon alles klappen. – Und die
Vorstellung, was aus Tim nun wird, läge allein in unsere Hand, stellt
heute eine besondere Versuchung, - aber natürlich auch eine ungeheure
Belastung dar.
Lieber Frank, liebe Elke!
Doch bei aller Sorge und
Mühe, die Ihr für Tim übernommen habt: Wenn Ihr ehrlich
seid, wisst Ihr: Das Wesentliche können wir ihm nicht geben und nicht
garantieren. Ihr können die großen und kleinen Katastrophen
nicht von ihm abhalten und haben auch nur begrenzte Möglichkeiten,
den Weg von Tim zu lenken.
Taufe heißt für
Euch, Frank und Elke: Ihr legt Tim in Gottes Hände und sagt damit:
Du gehörst zu uns! - Aber : Du gehörst uns nicht! - Wir können
mit Dir nicht machen, was wir wollen, sondern sind Gott gegenüber
verantwortlich. Und wir wissen, dass Du in Gottes Hand einen Halt findest,
der Dich Dein Leben lang - und darüber hinaus trägt.
Taufe bedeutet: Euer Kind
der helfenden Macht Gottes anzuvertrauen. Ihr gebt Tim aus der Hand und
bittet, dass Ihr Euch mit Euren Ängsten, Nöten und Sorgen um
Euer Kind voll Vertrauen in Gottes Hände legen können. Und eines
wird gleich bei der Taufe besonders deutlich: Gott sagt „ja“ zu Tim, nimmt
Ihn an die Hand, bevor er selbst überhaupt richtig „ja“ sagen kann!
Der erste Schritt geht also von ihm aus. Die Taufe ist ein Geschenk Gottes.
Und so wünsche ich Tim
schließlich, dass er selbst einmal viele Erfahrungen der Geborgenheit
und des Gehaltenwerdens in Gott macht. Ich wünsche Tim, dass er sein
Leben ebenso zuversichtlich in Gottes Hände legen kann, wie es heute
bei der Taufe seine Eltern und Paten - in Stellvertretung - für ihn
tun. Im Abendgebet der Mönche, in der Komplet, heißt es: »In
Deine Hände lege ich meinen Geist«. Und was gibt es für
einen ernsthafteren und besseren Wunsch an unseren Täufling als den,
dass Tim selbst einmal wird sagen können: »In Deine Hände
lege ich mein Leben.« - Nimm Du es an und vollende, was alles unfertig
und unheil geblieben ist. In Deinen Händen weiß ich mich aufgehoben
- über meine eigene Kraft hinaus. Amen.
Taufansprache
für Tim T. am Samstag, den 19. Juni 2004
in der Pfarrkirche Christus-König
in Oer-Erkenschwick
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