RICHARD
WAGNERS PROGRAMMATISCHE ERLÄUTERUNG ZU LOHENGRIN
AUS DEM
PROGRAMM DER ZÜRICHER FESTKONZERTE
VOM 18.,
20. UND 22. Mai 1853
VORSPIEL
("Der heilige Gral")
| Aus einer Welt des Hasses und des
Haders schien die Liebe verschwunden zu sein: in keiner Gemeinschaft der
Menschen zeigte sie sich deutlich mehr als Gesetzgeberin. Aus der öden
Sorge für Gewinn und Besitz, der einzigen Anordnerin alles Weltverkehrs,
sehnte sich das unertötbare Liebesverlangen des menschlichen Herzens
endlich wieder nach Stillung eines Bedürfnisses, das, je glühender
und überschwenglicher es unter dem Drucke der Wirklichkeit sich steigerte,
um so weniger in eben dieser Wirklichkeit zu befriedigen war. Den Quell,
wie die Ausmündung dieses unbegreiflichen Liebesdranges setzte die
verzückte Einbildungskraft daher außerhalb der wirklichen Welt,
und gab ihm, aus Verlangen nach einer tröstenden sinnlichen Vorstellung
dieses Übersinnlichen, eine wunderbare Gestalt, die bald als wirklich
vorhanden, doch unnahbar fern, unter dem Namen des „heiligen Grales“ geglaubt,
ersehnt und aufgesucht ward. Dies war das kostbare Gefäß, aus
dem einst der Heiland den Seinen den letzten Scheidegruß zutrank,
und in welchem dann sein Blut, da er am Kreuze aus Liebe zu seinen Brüdern
litt, aufgefangen und bis heute in lebensvoller Wärme als Quell unvergänglicher
Liebe verwahrt wurde. Schon war dieser Heilskelch der unwürdigen Menschheit
entrückt, als einst liebesbrünstigen, einsamen Menschen eine
Engelschar ihn aus Himmelshöhen wieder herabbrachte, den durch seine
Nähe wunderbar Gestärkten und Beseligten in die Hut gab, und
so die Reinen zu irdischen Streitern für die ewige Liebe weihte.
Diese wunderwirkende Darniederkunft des Grales im Geleite der Engelschar, seine Übergabe an hochbeglückte Menschen, wählte sich der Tondichter des „Lohengrin“ - eines Gralsritters - als Einleitung für sein Drama zum Gegenstande einer Darstellung in Tönen, wie es hier zur Erläuterung ihm erlaubt sein möge, der Vorstellungskraft sie als einen Gegenstand für das Auge vorzuführen. - Dem verzückten Blicke höchster, überirdischer Liebessehnsucht scheint im Beginne sich der klarste blaue Himmelsäther zu einer wundervollen, kaum wahrnehmbaren, und doch das Gesicht zauberhaft einnehmenden Erscheinung zu verdichten; in unendlich zarten Linien zeichnet sich mit allmählich wachsender Bestimmtheit die wunderspendende Engelschar ab, die, in ihrer Mitte das heilige Gefäß geleitend, aus lichten Höhen unmerklich sich herabsenkt. Wie die Erscheinung immer deutlicher sich kundgibt und immer ersichtlicher dem Erdentale zuschwebt, ergießen sich berauschend süße Düfte aus ihrem Schoße: entzückende Düfte wallen aus ihr wie goldenes Gewölk hernieder, und nehmen die Sinne des Erstaunten bis in die innigste Tiefe des bebenden Herzens mit wunderbar heiliger Regung gefangen. Bald zuckt wonniger Schmerz, bald schauernd selige Lust in der Brust des Schauenden auf; in ihr schwellen alle erdrückten Keime der Liebe, durch den belebenden Zauber der Erscheinung zu wundervollem Wachstume erweckt, mit unwiderstehlicher Macht an: wie sehr sie sich erweitert, will sie doch noch zerspringen von der gewaltigen Sehnsucht, vor einem Hingebungsdrange, einem Auflösungstriebe, wie noch nie menschliche Herzen sie empfanden. Und doch schwelgt diese Empfindung wieder in höchster, beglückendster Wonne, als in immer traulicherer Nähe die göttliche Erscheinung vor den verklärten Sinnen sich ausbreitet: und als endlich das heilige Gefäß selbst in wundernackter Wirklichkeit entblößt und deutlich dem Blicke des Gewürdigten hingereicht wird; als der „Gral“ aus seinem göttlichen Inhalte weithin die Sonnenstrahlen erhabenster Liebe, gleich dem Leuchten eines himmlischen Feuers, aussendet, so daß alle Herzen rings im Flammenglanze der ewigen Glut erbeben: da schwinden dem Schauenden die Sinne; er sinkt nieder in anbetender Vernichtung. Doch über den in Liebeswonne Verlorenen gießt der Gral nun seinen Segen aus, mit dem er ihn zu seinem Ritter weiht: die leuchtenden Flammen dämpfen sich zu immer milderem Glanze ab, der jetzt wie ein Atemhauch unsäglichster Wonne und Rührung sich über das Erdental verbreitet, und des Anbetenden Brust mit nie geahnter Beseligung erfüllt. In keuscher Freude schwebt nun, lächelnd herabblickend, die Engelschar wieder zur Höhe: den Quell der Liebe, der auf Erden versiegt, führte sie von neuem der Welt zu: den „Gral“ ließ sie zurück in der Hut reiner Menschen, in deren Herzen sein Inhalt selbst segnend sich ergossen: und im hellsten Lichte des blauen Himmelsäthers verschwindet die hehre Schar, wie aus ihm sie zuvor sich genaht. |

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