BRUCKER LAND UND LEUTE
Donnerstag, 27. Juni 2002
Ein Meilenstein für die weltweite Mission
Benediktinerkloster in St. Ottilien erhielt vor 100 Jahren ihre Erhebung zur AbteiVon P. Martin Trieb OSB
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Das Kloster der Missionsbenediktiner in St. Ottilien feiert am kommenden Wochenende seine Erhebung zur Abtei vor 100 Jahren. Dies geschah durch das Errichtungsdekret des Vatikans vom 28. Juni 1902. Die zuständige römische Kongregation für das Ordenswesen fühlte sich dazu bewogen: „Im Hinblick auf den großen Nachwuchs des Institutes, sodann auf die blühende Regel-Disziplin und die sehr großen Erfolge in der Afrikamission". Die Abteierhebung brachte den Missionsbenediktinern von St. Ottilien die volle rechtliche Anerkennung seitens der Kirche und war damit ein entscheidender Meilenstein auf dem Weg zu einer weltweiten missionarischen Tätigkeit.Die Abteierhebung gab der jungen Gemeinschaft nach 18 Jahren einer dramatischen und dynamischen Entwicklung mit schweren Rückschlägen endlich ein festes Profil, eine klare Struktur für die Ausführung der Missionsaufgabe.
Schon der erste Versuch, ein „Missionswerk" zu gründen, misslang: In der einst prächtigen Klosteranlage von Reichenbäch in der Oberpfalz, sammelte P. Andreas Arnrhein im Jahre 1884 einige missionsbegeisterte junge Männer um sich. P. Andreas Arnrhein, ein Schweizer von Geburt, Mönch von Beuron, wollte diese Idee - ganz nach dem Vorbild der mittelalterlichen Benediktinermissionare in Deutschland - auch in Afrika Klöster als Ausgangspunkt für die Mission zu gründen, in die Tat umsetzen. Kirchenfeindliche Gesetze und ein missgünstig gesonnener Bischof von Regensburg schienen aber schon gleich am Anfang das Ende für die kleine Schar von Idealisten zu bedeuten.
Pater Andreas Arnrhein wäre aber ein schlechter Pionier gewesen, wenn er gleich wieder aufgegeben hätte: Im oberbayerischen Emrning, mit einem verfallenen Schlösschen, einer barocken Wallfahrtskapelle zur Heiligen Ottilia und einigen alten Bauernhöfen, mit steinigem Ackerboden und sumpfigen Wiesen, sollte im Jahre 1887 das später weltweit arbeitende Missionswerk Fuß fassen.
Auch nach damaliger strenger Auffassung vom Ordensleben gegen Ende des 19. Jahrhunderts, ging das Mönchsein im neu gegründeten St. Ottilien an die Grenze des Zumutbaren. Dennoch fehlte es nie an Freiwilligen. Im Gegenteil: Der Zustrom junger Männer war derart, dass 1896, nur zehn Jahre nach dem Einzug in den oberbayerischen Weiler Emming, die Gemeinschaft schon 100 Mitglieder zählte.
Sein Leben um Christi willen hingeben
Es mag für heutige Ohren dramatisch klingen, entspricht aber der Wahrheit: Wer in das Missionskloster St. Ottilien kam, war bereit, sein Leben um Christi willen hinzugeben. Denn wer sich an der Klosterpforte einfand, der wollte nach Beendigung der Probezeit als Missionar in das damalige Deutsch-Ostafrika übersiedeln. Viele gingen diesen Weg, aber nur wenige überlebten die kaum behandelbaren Tropenkrankheiten länger als einige Jahre, wenn nicht sogar nur um Monate.
Das Jahr 1896 brachte beinahe schon das Ende dieser Neugründung voller Idealismus. Zu Beginn dieses Jahres zog sich der Gründer des Werkes, P. Andreas Arnrhein, plötzlich von seinen Leitungsaufgaben zurück. Er hatte dank seiner charismatischen Ausstrahlung eine ungeheure Aufbauleistung vollbracht, dann aber waren seine Kräfte verbraucht, er war nervlich und seelisch angeschlagen und schließlich auch handlungsunfähig. Der Weggang dieser Führergestalt hinterließ eine Schar ratloser junger Menschen, von denen nur wenige älter als 30 Jahre waren.
Der zuständige Bischof von Augsburg musste einspringen und stellte nach einem Besuch fest, dass unter den jungen Leuten noch keine Führungspersönlichkeiten vorhanden waren, welche die Vielzahl anspruchsvoller Aufgaben und Verpflichtungen hätten bewältigen können. Eine solche war aber dringend nötig, da die kirchenrechtliche und auch die staatsrechtliche Situation St. Ottiliens noch weitgehend unklar war. Weder der Vatikan noch die bayerische Regierung hatten ihr endgültiges Ja zu dem Neuling gesprochen.
Die drohende und bereits angedachte Auflösung der Gemeinschaft war nicht zu verwirklichen, weil diese bereits den südlichen Teil von Deutsch-Ostafrika als Missionsgebiet betreute. Eine Eingliederung bei den bereits bestehenden Benediktinerkongregationen schied auch aus, da die arideren Benediktinerklöster eine Auslandsmission als unvereinbar mit der klösterlichen Stabilität ansahen. Da wandte sich der Vatikan an die oberschwäbische Erzabtei Beuron und bat diese, die führerlose Gemeinschaft unter ihre Flügel zu nehmen.
Für die Erzabtei Beuron fiel diese Entscheidung nicht leicht. Ihr Programm war ja gerade ein „reines" Mönchtum, das sich ganz einem weltabgeschiedenen Gebet verschrieben hatte und die aktive Sorge um die Kirche den Bistümern und Weltorden überließ. Daher zeugt es von unideologischer Herzensgröße, dass der Seckauer Abt Ildefons Schober die undankbare Aufgabe übernahm, der noch recht formungsbedürftigen Gemeinschaft in den folgenden Jahren als Leiter vorzustehen. Dank seines vertrauenerweckenden Auftretens gelang es ihm auch, sowohl die Mönche von St. Ottilien für sich zu gewinnen, als auch die schrittweise Selbstständigkeit des Klosters zu fördern.
Rechtliche Selbstständigkeit ist für ein Kloster nicht selbstverständlich. Normalerweise ist im kirchlichen Bereich der Bischof für,alles zuständig, was in seiner Diözese passiert. Für Klöster, die ja Lebensgemeinschaften bilden, ist aber die Selbstverwaltung derart wichtig, dass sie immer wieder die Befreiung von der bischöflichen Oberaufsicht anstreben.
Ist ein Kloster somit nach einem langen Weg rechtlicher Prüfungen zur Abtei erhoben, so untersteht es direkt dem Vatikan, der - abgesehen von einigen wichtigen Entscheidungen - der Gemeinschaft eine große Freiheit lässt, ihr Leben intern selber zu regeln.
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Harte Mönchsdisziplin formte PersönlichkeitenFür Abt Ildefons Schober ging es in seinen ersten Jahren in St. Ottilien vor allem darum, den missionsbegeisterten jungen Menschen beizubringen, dass sie auch ihr Mönchsein vertiefen müssen. Denn gerade die harte Mönchsdisziplin schien geeignet, die Persönlichkeit geistlich zu formen und aus solcher innerer Formung heraus überzeugend Mission zu betreiben. Bereits 1901 konnte der Seckauer Abt befriedigt dem Vatikan mitteilen, dass die innere Reifung der Gemeinschaft derart fortgeschritten sei, dass einer Abteierhebung nichts mehr im Wege stehe. Sie erfolgte dann am 28. Juni 1902.
Einstimmig wählten die Mönche am 18. Dezember 1902 P. Norbert Weber zum ersten Abt. Er zählte gerade 31 Jahre. Bisher mehr im Hintergrund, entfaltete Abt Norbert Weber ungeahnte Kräfte, nach kirchlichem Sprachgebrauch mit „Amtsgnade" zu deuten. In den folgenden zwölf Jahren sollte er dann zwölf Klostergründungen in elf Ländern vornehmen und als er sein Amt im Jahre 1931 erschöpft und ausgebrannt niederlegte, gehörten bereits um 950 Mönche zu den Missionsbenediktinern von St. Ottilien, im Jahre 2002 sind es 1109 Mönche. Von seinem Gottvertrauen zeugt ein gerne von ihm benutzter Satz: „Dominus providebit" - „Der Herr wird die Lösung finden".
LANDSBERGER TAGBLATT
Montag, 1 Juli 2002
Am Anfang waren viele Widerstände zu überwinden
Vorträge befassen sich mit den Gründerjahren in St. OttilienVon Stephanie Millonig
Im Spannungsfeld zwischen Kontemplation und Mission hatte die Gründergestalt der Abtei St. Ottilien gestanden. Anlässlich der Feiern zur Abteierhebung vor 100 Jahren schilderte Festredner Pater Dr. Theodor Wolf, ein Ettaler Mönch, die schwierigen zeitgeschichtlichen Gegebenheiten, denen Pater Andreas Amrhein begegnen musste. Erzabt Theodor Hogg von Beuron sprach über die Tradition des Mönchtums in seiner Abtei.
„Was aus heutiger Sicht gottgewollt ist, war zur Gründungszeit offen und verwirrend", kennzeichnete auch der Erzabt die damalige Situation. Der Gründer von St. Ottilien wurde 1844 als Josef Amrhein in der Schweiz geboren. Er sei ein kränkelndes Kind gewesen, berichtete Pater Theodor Wolf. Als junger Mann studierte Amrhein 1862 in Florenz Architektur und Zeichnen; widmete sich 1864 in München der Historienmalerei und setzte sein Kunststudium in Paris fort. Nach einem Bekehrungserlebnis in Paris begann er 1868 an der Theologischen Fakultät in Tübingen ein Theologiestudium, trat in das Benediktinerkloster Beuron, ein und wurde 1872 zum Priester geweiht. Beachtliche innere Sicherheit, Überzeugungskraft und Mut seien dem jungen Mönch attestiert worden, schilderte Pater Theodor „eine werdende Führernatur".
Amrhein fühlte sich zum missionarischen Gedanken berufen, was der monastisch-kontemplativen Orientierung der Beuroner Benediktiner entgegenlief, wie die Redner darlegten. In Beuron sah man das Ziel im reinen Mönchstum, im weltabgeschiedenen Gebet. Ein Konflikt, der bei Amrhein zu ungelösten seelischen Spannungen geführt habe, so Pater Theodor. Pater Andreas Amrheins Vorbild waren die mittelalterlichen Benediktinermis-sionare in Deutschland, sein Ziel war die Gründung von Klöstern in Afrika als Ausgangspunkte für die Mission. Er wollte die mittelalterliche Verbindung von benediktinischem Klosterleben und missionarischer Glaubensverkündigung neu beleben.
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Aufenthalte in den Missionsinstituten Mill Hill und Steyl ließen in ihm die Idee keimen, eine eigene Gemeinschaft zu gründen. Mit römischem Segen wurde in der ehemaligen Benediktinerabtei in Reichenbach in der Oberpfalz 1884 eine Gemeinschaft etabliert. Dort begegnete Amrhein jedoch der Widerstand des Regensburger Bischofs. Er siedelte mit Gleichgesinnten 1887 nach Emming um, wo der Aufbau des Missionsklosters St. Ottilien begann. Noch im gleichen Jahr wurden die ersten Missionare nach Tansania, dem damaligen Deutsch-Ostafrika gesandt.Der Pater benötigte für sein Missionswerk die kirchliche aber auch die staatliche Genehmigung, was in den Nachwehen des Kulturkampfes nicht einfach war, wie Pater Theodor schilderte. Bayern stand Klostergründungen abwehrend gegenüber. Der Redner berichtete, wie er während seiner Recherchen beeindruckt war, welche Hindernisse Amrhein zu überwinden hatte und was dies für den Gründervater bedeutet habe.
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Kolonien als ArgumentAmrhein habe gegenüber der staatlichen Seite argumentiert, dass deutsche Kolonien deutsche Missionare benötigten. Für Missionare, die in weitabgelegenen Pfarreien in der Kolonie tätig seien, sei das mönchische Leben wichtig, sonst gehe das monastische Charisma verloren, lauteten laut Pater Theodor die Folgerung Amrheins. Dem Unwillen des Kultusministeriums begegnend, wurde nicht um die Genehmigung für ein Kloster oder einen Orden ersucht, sondern um die Genehmigung eines Missionsseminars, des „Deutschen Seminars zur Verbreitung christlicher Kultur in den unzivilisierten Ländern".
Im Dezember 1896 überwarf sich der Gründer mit seiner Gemeinschaft, wie dem Jahrbuch 2002 der Erzabtei zu entnehmen ist. Er siedelte nach Rom um, der Rücktritt war jedoch begleitet von einem Nervenzusammen-bruch, der ihn weitgehend arbeitsunfähig machte. Der Gemeinschaft drohte die Auflösung, die Erzabtei Beuron erklärte sich jedoch bereit St. Ottilien unter ihre Fittiche zu nehmen, was angesichts der weltabgeschiedenen Orientierung nicht leicht fiel. Der Seckauer Abt Ildefons Schober übernahm die Leitungsaufgabe und führte die Gemeinschaft dahin, dass er 1901 beim Vatikan eine Abteierhebung befürworten konnte.
"Die Fundamente weiterbauen"
St. Ottilien feiert mit früherem Erzabt und jetzigen Bischof Viktor Josef DammertzVon Angela Hausier
Auf die erste Stunde als Erzabtei blickten die Mönche des Klosters St. Ottilien gestern gemeinsam mit dem ersten Mann der Diözese zurück: Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Abteierhebung zelebrierte Bischof Viktor Josef Dammertz, der selbst aus dem Benediktinerorden hervorgegangen ist, das feierliche Hochamt in der Klosterkirche. Anschließend referierte er vor einem handverlesenen Publikum über die Rolle der Erzabtei St. Ottilien im Bistum Augsburg.
Im Gefolge von rund 90 Glaubensbrüder hielt der geisüiche Würdenträger Einzug in ein vollbesetztes Gotteshaus. Anlass für das feierliche Hochamt gebot den Mönchen nicht nur die Erinnerung an 100 Jahre geistliches Wirken im Dienste von Gott und Abtei, konnten die Ordensbrüder doch zeitgleich das Fest der Kirchweihe begehen. In seiner Ansprache würdigte Erzabt Jeremias Schröder das wohlwollende Entgegenkommen, welches das Augsburger Bistum den Benediktinern nach einem gescheiterten Gründungsversuch im oberpfälzischen Reichenbach entgegengebracht hatte.
Vermächtnis erhalten
Auch der Augsburger Bischof hatte in seiner
Predigt die Historie des Klosters vor Augen. Er selbst war der Ordensgemeinschaft von 1975 bis 1977 als Erzabt vorgestanden. Dammertz erinnerte daran, dass es ein Vermächtnis der Vorfahren zu erhalten gelte. „Die Fundamente sind gelegt, an uns ist es, darauf weiterzubauen." Sich der Vergangenheit bewusst sein, „im Heute zu leben und so die Zukunft zu gestalten" gab er den Ordensbrüdern als grundlegende Botschaft der Jubiläumsfeierlichkeiten mit auf den Weg. Wie sich der Bischof das Wirken der Benediktinermönche in Zeiten von Massenmobilität und Dienstleistungsgesellschaft vorstellt machte er bei einem anschließenden Vortrag deutlich. Viele Christen hätten durch die Möglichkeit, sich schnell von einem Ort zum andern zu bewegen, ihren Mittelpunkt nicht mehr m den Pfarreien ihres Wohnortes. Hinzu trete die Vielfalt von individuellen Wünschen und Ansprüchen, die an die zeitlich ohnehin beanspruchten Seelsorger herangetragen würden. Zwar verfügt die Diözese laut Dammertz über eine große Zahl von beratenden und unterstützenden Einrichtungen sowie aas erforderliche geschulte Personal, doch würden viele Menschen die Aussprache mit einem Priester suchen. Hier sieht der Bischof Chance und Aufgabe der Abtei, tätig zu werden. „Es geht dabei nicht um Konkurrenz, sondern um eine sinnvolle Ergänzung" wie er betonte.
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Verschiedene Typen geistlicher Zentren bereit zu stellen, in denen das Klientel der Kirche vorfindet, was es in der eigenen Pfarrei nicht bekommen kann, nannte der Bischof als eine der Herausforderungen der zeitlichen Umstände. Für das Bistum Augsburg konstatierte er mit 51 Einrichtungen ein Überangebot an Tagungs- und Bildungsstätten. Im Vorteil sah er die Aktivitäten der Ottilianer Mönche durch die „geistliche Atmosphäre des Klosters, die anderswo erst geschaffen werden muss."Lob für das Schulwesen
Lobend sprach sich Dammertz über das Gymnasium und die Landwirtschaftsschule aus. Dass von den 1400 Lehrkräften des Schulwerks lediglich noch 66 Ordensleute im Unterricht tätig sind, bedauerte er. Als aktives Handlungsfeld hatte der Würdenträger zudem die pastorale Tätigkeit außerhalb der Klostermauern ausgemacht, so etwa die Betreuung von Pfarreien und die Bereitstellung von Vertretungsdiensten, wie dies von den Benediktinern bereits praktiziert werde. Dem Dienst am Bußsakrament maß Dammertz besondere Wichtigkeit bei, da dieses Angebot in den Pfarreien aus Gründen der Zeit oft nur „sehr eingeschränkt" möglich sei. Gefordert sah der Bischof die Abtei nicht zuletzt in der Mission Diese sei längst keine Einbahnstraße mehr, sondern habe sich inzwischen vielmehr zu einem „fruchtbaren Austausch" entwickelt.
[
Die Predigt des Bischofs im Wortlaut ]