LANDSBERGER TAGBLATT
6. Februar 2006
Dem Namenspatron eine Ausstellung gewidmet
Rhabanus-Maurus-Gymnasium St. Ottilien führt auf die Spuren des Wissenschaftlers, Künstlers und TheologenVon Gerald Modlinger
Fotos: Thomas Gampl
![]()
![]()
Wenn - wie das Rhabanus-Maurus-Gymnasium St. Ottilien - eine Schule nach einer Person benannt wird, die ein Zeitgenosse Karls des Großen war, dann besteht ein gewisser Erklärungsbedarf. Um diesem abzuhelfen ist in der Klostergalerie eine Ausstellung über den Namenspatron eröffnet worden. Anlass für das damit beginnende Hrabanus-Jahr ist, dass sich der Todestag von Hrabanus Maurus - so die wissenschaftliche Schreibweise - am Samstag zum 1150. Mal jährte. Wissenschaft, Kunst und Theologie: in allen drei Gebieten war Hrabanus Maurus zugange. Ein charakteristischer mittelalterlicher Dreiklang: Der Zugang zur Wissenschaft erfolgte bis zur Gründung der Universitäten gewöhnlich nur über die kirchlichen Institutionen und Weihen. Die Kunst diente der Vermittlung der Religion. So bewegte sich auch der Lebensweg von Hrabanus Maurus (um 780 bis 856) innerhalb dieser Koordinaten. Er war ein äußerst produktiver Autor von Lehr- und Schulbüchern, Bibelkommentaren und Handbüchern und verfasste eine theologisch ausgerichtete 22-bändige Enzyklopädie mit dem Titel "De rerum naturis". Als Abt des Reichsklosters Fulda (822-842) und Erzbischof von Mainz (847-856) war er ein weithin gefragter Ratgeber und wohl auch nicht unbedeutender Entscheidungsträger der karolingischen Epoche. Hrabanus Maurus war Schüler von Alkuin und Lehrer der frühesten althochdeutschen Autoren wie Walahfried Strabo und Otfrid von Weißenburg, aber auch von von Querdenkern wie dem als Ketzer eingekerkerten Gottschalk von Orbais.
Ausgangspunkt der Ausstellung in St. Ottilien ist das wohl bekannteste und originellste Werk von Hrabanus Maurus, das formal sehr anspruchsvolle "Liber de laudibus sanctae crucis" ("Buch über das Lob des heiligen Kreuzes"), ein 28 Figurengedichte umfassender Zyklus von Hymnen auf das Kreuz. Charakteristisch an diesen Figurengedichten ist, dass sie in strenger Geometrie aus ganze Seiten bedeckenden Rahmentexten und aus darin eingeschlossenen Binnentexten bestehen. Diese Intexte sind von Teilen der Bildmotive abgegrenzt - etwa auf dem Lendenschurz Christi und dem Schild Kaiser Ludwigs des Frommen. Daneben bilden solche in sich geschlossenen Zeichenreihen wiederum eine Art Übertext oder geometrische Formen wie Kreise, Quadrate und Dreiecke. Diese können unterschiedliche christliche Begriffe versinnbildlichen, ebenso wie Zahlen als Anspielungen auf christliche Kontexte zu verstehen sind.
Eine Vorstellung, wie solche Bücher produziert wurden, wird in der "Schatzkammer" der Klostergalerie vermittelt. Dort sind die wichtigsten Rohstoffe und Arbeitsgeräte einer mittelalterlichen Schreibstube präsentiert. Besonders stolz sind die Ottilianer-Mönche auf eine Handschrift der Erzabtei St. Peter in Salzburg aus dem 10. Jahrhundert. Dieser auf Pergament geschriebene Codex enthält eine Rechtssammlung und Briefe von Hrabanus Maurus.
![]()
Von Widmungsbildern inspiriert An der Ostseite der Galerie interpretieren Künstler das Werk von Hrabanus Maurus. Der Bildhauer Franz Hämmerle ließ sich von mittelalterlichen Widmungsbildern inspirieren, als er einen stilisierten Mönch schnitzte, der seine Schriften übergibt. Jörg Schwarzenbach schuf aus den von Hrabanus Maurus verwendeten Schriften ein Schriftgitter.
Ausstellungskuratorin Gotlind Timmermanns griff auf einem Ölgemälde auf die Kreuzformen in den Hrabanus-Gedichten zurück. Wenzel Ziersch tut es den mittelalterlichen Buch-Kopisten nach und schreibt Bibelstücke so lange übereinander, bis aus Buchstaben- und Textreihen bildliche Darstellungen werden.
Ugo Dossi entwickelte die verschiedenen Textebenen der Figurengedichte zu einer interaktiven CD-Rom weiter, die per Mausklick ein spielerisches Navigieren durch das Netzwerk mentaler Verschaltung und per "Autopilot" überraschende Assoziationswege ermöglichen soll. Weitere Exponate stammen von Barbara Bernrieder, Charles Crodel, Eugen Gomringer, Jozef Melichercik, Eva Schöffel und Markus Stangl.
Der Bildungsbeitrag der Kirche
Der Ausstellungseröffnung voraus ging ein Pontifikalamt mit Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger. In seiner Predigt ging er der Frage "Welche Bildung brauchen wir?" nach. Seine Antwort: "Die Schule hat mit kognitiver Wissensvermittlung höchstens die Hälfte ihrer Hausaufgaben gemacht." Sie müsse zudem Orientierung und Wertmaßstäbe vermitteln und "die alles entscheidende Frage nach dem Sinn des Lebens" thematisieren. Den Beitrag der Kirche spitzte Losinger in einem Zitat von Hrabanus Maurus zu: "Wer den Gipfel der Weisheit erreichen will, muss zum Gipfel der Liebe gelangen. Denn niemand ist vollkommen im Wissen, der nicht vollkommen in der Liebe ist."
Die Hrabanus-Schau in der Klostergalerie wird bis 26. Juli gezeigt. Die Öffnungszeiten sind montags bis freitags von 10 bis 12 und 13.30 bis 17 Uhr, samstags von 10 bis 12 und 13.30 bis 16 Uhr, sonntags von 10.30 bis 12 und 13.30 Uhr bis 16 Uhr. Begleitet wird die Ausstellung noch von mehreren Vorträgen.