LANDSBERGER TAGBLATT
8. Februar 2007
GEFÄHRLICHER RÄUBER IN DER INSEKTENSAMMLUNG
Das Missionsmuseum in St. Ottilien gibt Einblick in das Leben fremder Völker und exotischer Tiere
Sankt Ottilien (lob). - "Museum" steht in blassen Lettern über einer unscheinbaren Tür, die sich ein wenig versteckt neben der Klosterpforte, im Schatten der hoch aufragenden Abteikirche befindet. Die Ausstellung, die sich hinter der Tür befindet, nennt sich schlicht "Missions-Museum Sankt Ottilien" und zeigt eine Fülle von Gebrauchs- und Kunstgegenständen sowie Tiere von den Missionsgebieten der Benediktiner aus St. Ottilien. Bei einem Rundgang wird deutlich, dass das Haus, die Ethnologie und Biologie von Ostafrika, Nordkorea und die Mandschurei betreffend, eine der umfassendsten und bestausgestatteten Sammlungen im weiten Umkreis beherbergt.
Ein wenig scheint hier die Zeit stehen geblieben zu sein und man fühlt sich schnell in die eigene Kindheit zurückversetzt, als der Besuch des Museums mindestens einmal im Jahr obligatorisch war, jedoch nicht als lästige familiäre Pflicht gesehen wurde. Die vielen Gerätschaften zu besichtigen, erschien einem zwar zugegebenermaßen ein wenig langweilig, dafür waren hier aber Tiere, die man nur aus Büchern kannte, in voller Größe und lebensecht zu sehen.
Das ist auch heute noch so, gleich in Raum I werden kleine und große Besucher von einem Diorama empfangen, in dem Leopard und Schakal, Gepard und Hyäne im afrikanischen Urwald auf die Jagd gehen, zum Glück "nur" als präparierte Raubtiere. Im Großdiorama gleich daneben sind Antilopen und Gazellen sowie eine ganze Reihe von Affenarten zu sehen. Ein paar Schritte weiter lockt ein Tierpanorama, das sich noch größer und noch umfassender präsentiert. Vor dem Hintergrund der ostafrikanischen Steppe mit Dar es Salaam und einer Missionsstation als Begrenzung ziehen Löweneltern ihr Junges auf, begutachtet ein Strauß sein Gelege, ringelt sich ein Python durchs Gebüsch und über allem wacht ein riesiger Elefantenkopf. Weitere Präparationen von afrikanischen Großtieren "wohnen" über der breiten Treppe, die ins Untergeschoss führt. Dort, im Raum III, sind Vögel und Insekten beheimatet. Vor allem die Schmetterlinge in leuchtenden Metallic-Farben locken hier vor die Schaukästen und beeindrucken, während die Heuschrecken in allen Farben und Größen wie auch die Käferpräparationen eher unangenehme Gefühle wecken. Wer möchte schließlich schon einem bis zu zehn Zentimeter großen Goliathkäfer in freier Natur begegnen?
Neben diesen, vor allem für Kinder interessanten zoologischen beziehungsweise biologischen Sammlungen sind aus ethnologischer Sicht die unzähligen Gebrauchs- und Kunstgegenstände aus Afrika und Ostasien sehenswert. Neben Hüttennachbauten im Modell finden sich Dinge des täglichen Gebrauchs ebenso wie ausladende Speer- und Waffensammlungen, Kultgegenstände aus Aberglauben und Zauberei sowie Einrichtungsgegenstände, Kleidung, Schmuck, Spielzeug.
Nach einem Raum voller Utensilien aus dem südafrikanischen Zululand folgt ein kleiner Kulturschock: Korea und die Mandschurei scheinen ethnisch Lichtjahre entfernt von Ostafrika. Knallbunte Seidenkleider und Kommoden mit Perlmutt-Einlegearbeiten ziehen die Blicke auf sich. Dabei haben, wie man an verschiedenen Ausstellungsstücken erkennen kann, die Musikinstrumente der beiden Kontinente durchaus Ähnlichkeit miteinander. Buddha-Figuren und koreanische Geisterpfähle, die mittlerweile auch bei uns verbreiteten Windspiele geben einen kleinen Einblick in die Volksreligionen des Fernen Ostens. Und natürlich sind Ton- und Porzellangefäße aus China, dem Mutterland der Keramik zu sehen.
Seit 1962 kümmert sich Pater Arnold Walloscheck als Leiter des Missionsmuseums St. Ottilien um die unzähligen Ausstellungsstücke und Grafiken. Seine Arbeit beschränkt sich dabei neben der Fortführung der missionarischen Schautafeln, die ihm besonders am Herzen liegen, vor allem auf die Erhaltung der Exponate, denn "fast alles hier ist schon sehr lang da und es kommt kaum Neues nach", sagt Pater Arnold, "die ganze Tierwelt etwa stammt aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg". Mit Beginn ihrer Missionstätigkeit schon bald nach der Gründung des Klosters St. Ottilien im Jahr 1887 haben die ausgesandten Patres und Brüder ethnologische und zoologische Stücke in die Heimat geschickt, vor allem, um im Rahmen von kleinen Ausstellungen Interesse für die Missionstätigkeit zu wecken. Im Zuge von Erweiterungsbauten am Kloster im Jahr 1911 hat das Museum den festen Wohnsitz bekommen, in dem es auch heute noch untergebracht ist und der mit seinen Gewölbedecken für sich allein schon sehenswert ist.
An die 50 000 Besucher zählen die Museumsverantwortlichen pro Jahr, "darunter sind etliche Schul- und Betriebsausflüge", erzählt Pater Arnold. Auch Kunst- oder Biologielehrer vom Rhabanus-Maurus-Gymnasium in unmittelbarer Nachbarschaft tauchen mitunter mit ihren Klassen auf, hat Pater Arnold beobachtet, "und nutzen die Ausstellung für ihre Studien". Er selbst findet die Schau vor allem aus ethnologischer Sicht wertvoll, "weil wir nicht nur Kunst zeigen, sondern auch, wie die fremden Völker gelebt haben und zum Teil immer noch leben".
Ansonsten gilt es für den Museumsleiter, einen frechen Räuber in Schach zu halten. Der "Anthrenus museorum", der einfache Kabinett- oder Museumskäfer macht sich laut Pater Arnold immer mal wieder über die Insektensammlung her. Genau genommen sind es seine Larven, die sich einnisten und Schäden anrichten. Dann heißt es unter Umständen nachzüchten, denn auch das ist Pater Arnold schon gelungen, wie er schmunzelnd erzählt.
Das Missionsmuseum St. Ottilien ist täglich von 10 bis 12 und von 13 bis 17, in den Sommermonaten sogar bis 18 Uhr geöffnet. Bei entsprechender Voranmeldung können größere Gruppen geführt werden. Der Eintritt ist frei, Spenden kommen in vollem Umfang der Mission zugute.
Text: Romi Löbhard / Fotos: P. Siegfried Wewers OSB