LANDSBERGER TAGBLATT
 
Nicht ein genialer Wurf, sondern viele Schichten lebendiger Steine
Ausstellung zur Baugeschichte von St. Ottilien

Sie ist vielleicht die bekannteste bauliche Anlage im Landkreis: Die Erzabtei St. Ottilien, das weithin sichtbare Klosterdorf zwischen sanften Hügeln, Feldern und Wäldern. Wie aus dem einstigen Dorf Emming ein benediktinisches Zentrum entstand, zeigt jetzt eine Ausstellung zur Baugeschichte der Anlage in der Klostergalerie - dem übrigens jüngsten Gebäude in St. Ottilien.

Lebendige Steine ist die Ausstellung überschrieben und so lautet auch das Buch von Maria Hildebrandt, aus dem die Präsentation inhaltlich schöpft. Lebendige Steine, so erklärte Erzabt Jeremias Schröder bei der Ausstellungseröffnung, bedeute, dass die Anlage nicht in einem genialen Wurf hingestellt wurde, sondern in vielen Schichten, die um das Kloster herum entstanden sind. Immer wieder sei gebaut, umgebaut und neugestaltet worden. Es ist ein Bau, der lebt, es sind lebendige Steine.

St. Ottilien war bis 1886 das Dorf Emming, bestehend aus einem damals ziemlich heruntergekommenen Schloss, einem Wirtshaus und vier weiteren Höfen und Häusern. Ende 1886 konnte der Beuroner Benediktiner Pater Andreas Amrhein das Schloss kaufen. Von hier aus sollten Brüder und Schwestern in der damaligen deutschen Kolonie Ostafrika missionieren. In wenigen Jahren bekamen Amrhein und die Oberin des bis 1904 in St. Ottilien ansässigen weiblichen Zweigs (heute in Tutzing), Katharina Scheyns, das ganze Dorf in ihren Besitz, als letztes verkaufte 1893 der Wirt seinen 125 Tagwerk umfassenden Hof an die Ordensleute.

Nach 21 Jahren war die Kirche komplett fertig

Die Verwandlung von Emming zu St. Ottilien ist vor allem das persönliche Werk des Gründers Pater Andreas Amrhein. Die Ausstellung zeigt deutlich, dass sich der Gründer praktisch um alle Planungsdetails selbst kümmerte und diese auch durchsetzte. So wurde auf seine Anordnung hin im September 1894 praktisch von einer Stunde auf die andere begonnen, das alte Emminger Schloss abzubrechen. Außergewöhnlich mutet der Amrhein sche neugotische Abortturm außerhalb des Klosterbaus an. Die abseitige Situierung erfolgte, weil der Klostervorsteher die Toilettengerüche nicht im Gebäude haben wollte. Auch auf behördliche Genehmigungen zu warten, war Amrheins Sache nicht. Der energische Pater begann 1890/91 sowohl das Männerkloster als auch das Frauenkloster vor Erteilung des amtlichen Placets, ja selbst seine eigenen Pläne waren zum Baubeginn noch gar nicht ganz fertiggestellt. Mit dem Bau der landschaftsprägenden Abteikirche wurde erst 1897 unter Amrheins Nachfolger Abt Ildefons Schober begonnen. Es dauerte 21 Jahre, bis das Gebäude samt der Innenausstattung vollendet war.

Der zweite große Baumeister in St. Ottilien war der Kloster-Architekt Pater Konrad Heckelsmüller (1912-2001). Seine Lebensleistung wissenschaftlich zu untersuchen war der Wunsch der Familie Heckelsmüller, die das Vorhaben finanzierte, und Ausgangspunkt von Buch und Ausstellung von Maria Hildebrandt. Heckelsmüller, so heißt es in der Ausstellung, schuf die heutige weitläufige Klosteranlage nach dem Zweiten Weltkrieg, wo zuvor noch das Häusergewirr des alten Emming vorherrschend war. Sein erstes Projekt war der Neubau der Klostermühle in Windach, 1954 folgte die Erweiterung des Konventbaus, danach die Missionsprokura, 1969 der Emminger Hof in seiner heutigen Gestalt und 1991 schließlich noch die Vergrößerung des Gymnasiums.

Heizzentrale wird das nächste große Projekt

Und die scherzhafte, aber doch zutreffende Erklärung Oh Sie Bauen für die benediktinische Ordensabkürzung OSB hat auch weiterhin Gültigkeit. Als nächstes steht eine neue zentrale Heizanlage auf dem Bauprogramm der Ottilianer: Damit soll die Wärmeversorgung von Heizöl auf Hackschnitzel und Biogas aus der eigenen Land- und Forstwirtschaft umgestellt werden. Wo sie gebaut werden soll, ist derzeit ein viel diskutiertes Thema im Konvent, verriet Erzabt Jeremias Schröder. Vielleicht kann da das Klostermodell in der Ausstellung eine Entscheidungshilfe geben...

Für die Ausstellung und das Buch konnte die Landeshistorikerin Maria Hildebrandt aus den reichen Quellen des Klosters St. Ottilien schöpfen. Die Chronistik der Missionsbenediktiner schildert detailfreudig die Entwicklung des Klosterdorfs. Bis auf einige Kriegsverluste ist das Archiv wohlgeordnet und vieles ist von Anfang an auch fotografisch festgehalten worden. Selbst das Medium Film setzten die Ottilianer schon früh ein, wie in der Ausstellung zu erleben ist. Dazu kommen die Planzeichnungen der beiden Baumeister Amrhein und Heckelsmüller. Eine Auswahl dieses reichen Materials zeigt die Ausstellung, allen darüber hinaus Interessierten ist aber vor allem das wohl gestaltete, gut lesbare und wissenschaftlich präzise Buch Lebendige Steine empfohlen (358 Seiten, 38 Euro).

Öffnungszeiten Die Ausstellung ist bis 15. September zu sehen und montags bis freitags von 10 bis 12 und 13.30 bis 16 Uhr, samstags und sonntags von 10.30 bis 12 und 13.30 bis 16 Uhr geöffnet.
 
 

Text: Gerald Modlinger (LT 18.06.2007) / Fotos: Thomas Gampl

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