Hörprobe:
OFFERTORIUM: AVE MARIA

Der »englische« Gruß, das Ave Maria, verbindet die beiden biblischen Szenen der Verkündigung durch den Engel Gabriel (Lk 1,28) und den Besuch Elisabeths bei Maria (Lk 1,42) und taucht in dieser Form zunächst in den Liturgien östlicher Kirchen auf. Beim vorliegenden Offertorium Ave Maria handelt es sich um das älteste Vorkommen dieses Textes in der römischen Liturgie (ca. 7. Jahrhundert). Es wird bis heute am 4. Adventssonntag und am Fest Verkündigung des Herrn (25. März) gesungen. Guilmant verwendet die Melodiebögen des Ave und Dominus und vereinigt sie zu einer meditativen und klangmalerischen Fuge.
 



 


ALEXANDRE GUILMANT:
L' Organiste liturgiste op. 65, 
Orgel und Choralmusik im Kirchenjahr
 

Alexandre Guilmant (1837-1911) gehört zu den großen Kirchenorganisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Seine liturgischen Kompositionen greifen gregorianische Choralmelodien auf. Die CD stellt seinen Orgelstücken jeweils die gesungene Choralversion gegenüber. 

Orgel: Norbert Düchtel 
Choral: Mönchsschola der Erzabtei St. Ottilien 
unter Leitung von P. Vianney Meister OSB
Erschienen 2007 im EOS-Verlag,
Gesamtspieldauer 75:18 

EUR 19,80

HIER KLICKEN!



EINFÜHRUNG

Als mit dem 1833 gegründeten Benediktinerkloster Solesmes das monastische Leben in Frankreich wieder erstand, war dies gleichzeitig die große Renaissance des gregorianischen Chorals. Die Mönche der späteren Abbaye Saint-Pierre de Solesmes versuchten nicht nur, im Anschluss an mittelalterliche Quellen das ursprüngliche monastische Leben wiederherzustellen. Mit großer Hingabe und Leidenschaft begannen sie auch, jene liturgischen Gesänge zu erforschen, welche die römische Liturgie seit Jahrhunderten begleiteten. Unermüdlich wurden im berühmten scriptorium des Klosters mittelalterliche Choralhandschriften verglichen und ausgewertet, bis schließlich im Jahr 1880 das erste große Handbuch eines »restaurierten« Chorals erschien – »Les mélodies grégoriennes d’après la tradition« – die erste Ausgabe gregorianischer Gesänge, welche versuchte, all jene melodischen Entstellungen und Anpassungen an den jeweiligen Zeitgeschmack rückgängig zu machen, die den Originalen des 7. und 8. Jahrhunderts zugefügt wurden, zuletzt durch den großen Palestrina (+1594). Der Einfluss von Solesmes auf das kirchenmusikalische Leben in Europa und ganz besonders in Frankreich war so groß, dass sich nicht nur der liturgische Gesang veränderte. Auch zahlreiche Organisten und Komponisten entdeckten im Laufe der Zeit in den Melodien des gregorianischen Chorals eine Quelle der Inspiration für ihre eigenen Werke und Improvisationen, allen voran Alexandre Guilmant (1837-1911). Auf den ersten Blick mag es verwundern, dass ein Komponist im Paris des 19. und 20. Jahrhunderts, der fast ausschließlich Orgelmusik verfasste, traditionell komponierte und Werke alter Meister publizierte, nicht als erheiterndes Relikt vergangener Zeiten belächelt wurde. Das Gegenteil war der Fall: Guilmant war der Organist und Komponist, der Kirchen und Konzertsäle füllte – selbst in Amerika. Zukunftsweisende Musiker wie Joseph Bonnet, Marcel Dupré und Lous Vierne wollten zu seinem internationalen Schülerkreis zählen. Gemeinsam mit dem Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll arbeitete Guilmant daran, das fast in Vergessenheit geratene biedere und alte Kircheninstrument in ein gewaltiges Symphonieorchester zu verwandeln; durch Anwendung technischer Errungenschaften der Neuzeit ermöglichte die Orgel bisher ungeahnte Klang- und Spieldimensionen. All diese Facetten im Leben und Wirken Alexandre Guilmants – Virtuose, Komponist, Improvisationskünstler, Verleger, Orgelbauer, Musikwissenschaftler und Pädagoge – mögen zu seiner Popularität beigetragen haben. Vielleicht steht er sogar symbolisch für die Mentalität der »Hauptstadt Europas«. Diese schmückte sich zur selben Zeit, trotz Weltausstellungen, Olympischer Spiele, Aufständen, Klassenkämpfen, politischen Skandalen, kulturellen Moden und technologischen Sensationen, mit Wahrzeichen wie der Église de la Sainte-Trinité (1861) – der Gotik und Renaissance nachempfunden – und der Basilique du Sacré-Cœur (1875) – ein Gotteshaus im neobyzantinischem Stil, von Spöttern bis heute als »Zuckerbäckerstil« bezeichnet. Wer in den Orgelkompositionen Guilmants Neues oder Zukunftsweisendes sucht, wird vergeblich danach suchen, denn das überließ er in geradezu großzügiger Weise seinen Schülern und Kollegen. Als typischer Vertreter der Musikkultur des 20. Jahrhunderts interessierte er sich mehr für die Musik vergangener Epochen, mit deren Formen und Stilelementen er meisterlich umzugehen wusste, wie seine Sammlung »L’Organiste Liturgiste op. 65« exemplarisch zeigt. Guilmant arbeitete viele Jahre an diesem 10-bändigen Werk und veröffentliche die letzte livraison im Jahr 1899. All diesen für den liturgischen Gebrauch der römischen Liturgie bestimmten Kompositionen liegen Themen aus dem Repertoire des gregorianischen Chorals zu Grunde, sowohl aus dem Proprium bestimmter Festtage, als auch Vesperhymnen verschiedener Heiligenfeste. In Form von Fugen, Variationen, Versetten und Fantasien schreibt Guilmant kurze und markante Stücke, die dem Organisten als feierliche Prae- und Postludien oder als meditative Zwischenstücke während dem Offertorium oder der Kommunionausteilung zur Verfügung stehen, jeweils vorgesehen für einen konkreten Tag des Kirchenjahres. Zum ersten Mal erscheinen mit der vorliegenden Einspielung die bedeutendsten Kompositionen der Sammlung »L’Organiste Liturgiste«, umrahmt von jenen gregorianischen Melodien, die ihnen zu Grunde liegen.
 

P. Emmanuel Löwe OSB