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ALEXANDRE GUILMANT: L' Organiste liturgiste op. 65, Orgel und Choralmusik im Kirchenjahr Alexandre Guilmant (1837-1911) gehört zu den großen Kirchenorganisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Seine liturgischen Kompositionen greifen gregorianische Choralmelodien auf. Die CD stellt seinen Orgelstücken jeweils die gesungene Choralversion gegenüber. Orgel: Norbert Düchtel
EUR 19,80
EINFÜHRUNG Als mit dem 1833 gegründeten
Benediktinerkloster Solesmes das monastische Leben in Frankreich wieder
erstand, war dies gleichzeitig die große Renaissance des gregorianischen
Chorals. Die Mönche der späteren Abbaye Saint-Pierre de Solesmes
versuchten nicht nur, im Anschluss an mittelalterliche Quellen das ursprüngliche
monastische Leben wiederherzustellen. Mit großer Hingabe und Leidenschaft
begannen sie auch, jene liturgischen Gesänge zu erforschen, welche
die römische Liturgie seit Jahrhunderten begleiteten. Unermüdlich
wurden im berühmten scriptorium des Klosters mittelalterliche Choralhandschriften
verglichen und ausgewertet, bis schließlich im Jahr 1880 das erste
große Handbuch eines »restaurierten« Chorals erschien
– »Les mélodies grégoriennes d’après la tradition«
– die erste Ausgabe gregorianischer Gesänge, welche versuchte, all
jene melodischen Entstellungen und Anpassungen an den jeweiligen Zeitgeschmack
rückgängig zu machen, die den Originalen des 7. und 8. Jahrhunderts
zugefügt wurden, zuletzt durch den großen Palestrina (+1594).
Der Einfluss von Solesmes auf das kirchenmusikalische Leben in Europa und
ganz besonders in Frankreich war so groß, dass sich nicht nur der
liturgische Gesang veränderte. Auch zahlreiche Organisten und Komponisten
entdeckten im Laufe der Zeit in den Melodien des gregorianischen Chorals
eine Quelle der Inspiration für ihre eigenen Werke und Improvisationen,
allen voran Alexandre Guilmant (1837-1911). Auf den ersten Blick mag es
verwundern, dass ein Komponist im Paris des 19. und 20. Jahrhunderts, der
fast ausschließlich Orgelmusik verfasste, traditionell komponierte
und Werke alter Meister publizierte, nicht als erheiterndes Relikt vergangener
Zeiten belächelt wurde. Das Gegenteil war der Fall: Guilmant war der
Organist und Komponist, der Kirchen und Konzertsäle füllte –
selbst in Amerika. Zukunftsweisende Musiker wie Joseph Bonnet, Marcel Dupré
und Lous Vierne wollten zu seinem internationalen Schülerkreis zählen.
Gemeinsam mit dem Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll arbeitete Guilmant
daran, das fast in Vergessenheit geratene biedere und alte Kircheninstrument
in ein gewaltiges Symphonieorchester zu verwandeln; durch Anwendung technischer
Errungenschaften der Neuzeit ermöglichte die Orgel bisher ungeahnte
Klang- und Spieldimensionen. All diese Facetten im Leben und Wirken Alexandre
Guilmants – Virtuose, Komponist, Improvisationskünstler, Verleger,
Orgelbauer, Musikwissenschaftler und Pädagoge – mögen zu seiner
Popularität beigetragen haben. Vielleicht steht er sogar symbolisch
für die Mentalität der »Hauptstadt Europas«. Diese
schmückte sich zur selben Zeit, trotz Weltausstellungen, Olympischer
Spiele, Aufständen, Klassenkämpfen, politischen Skandalen, kulturellen
Moden und technologischen Sensationen, mit Wahrzeichen wie der Église
de la Sainte-Trinité (1861) – der Gotik und Renaissance nachempfunden
– und der Basilique du Sacré-Cœur (1875) – ein Gotteshaus im neobyzantinischem
Stil, von Spöttern bis heute als »Zuckerbäckerstil«
bezeichnet. Wer in den Orgelkompositionen Guilmants Neues oder Zukunftsweisendes
sucht, wird vergeblich danach suchen, denn das überließ er in
geradezu großzügiger Weise seinen Schülern und Kollegen.
Als typischer Vertreter der Musikkultur des 20. Jahrhunderts interessierte
er sich mehr für die Musik vergangener Epochen, mit deren Formen und
Stilelementen er meisterlich umzugehen wusste, wie seine Sammlung »L’Organiste
Liturgiste op. 65« exemplarisch zeigt. Guilmant arbeitete viele Jahre
an diesem 10-bändigen Werk und veröffentliche die letzte livraison
im Jahr 1899. All diesen für den liturgischen Gebrauch der römischen
Liturgie bestimmten Kompositionen liegen Themen aus dem Repertoire des
gregorianischen Chorals zu Grunde, sowohl aus dem Proprium bestimmter Festtage,
als auch Vesperhymnen verschiedener Heiligenfeste. In Form von Fugen, Variationen,
Versetten und Fantasien schreibt Guilmant kurze und markante Stücke,
die dem Organisten als feierliche Prae- und Postludien oder als meditative
Zwischenstücke während dem Offertorium oder der Kommunionausteilung
zur Verfügung stehen, jeweils vorgesehen für einen konkreten
Tag des Kirchenjahres. Zum ersten Mal erscheinen mit der vorliegenden Einspielung
die bedeutendsten Kompositionen der Sammlung »L’Organiste Liturgiste«,
umrahmt von jenen gregorianischen Melodien, die ihnen zu Grunde liegen.
P. Emmanuel
Löwe OSB
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