LANDSBERGER TAGBLATT
19. Februar 2008

Das Fastentuch aus dem 16. Jahrhundert -
ein Bilderbuch der besonderen Art

St. Ottilien - Erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen ist ein Fastentuch aus dem 16. Jahrhundert. Das zweite Tuch "Selig seid ihr" gestaltete Professor Li Jinyuan im Jahr 2006 für das Misereor-Hilfswerk, das in der Klostergalerie neben anderen Werken des Künstlers zu sehen ist. Franz Gulde, Abteilungsleiter der Bildungs- und Pastoralarbeit des Bischöflichen Hilfswerks, erläuterte ein paar Fakten zum Künstler sowie zur Gestaltung des Tuches. 

Ein Bilderbuch der besonderen Art entfaltet sich derzeit bei einem Rundgang durch die Klostergalerie in St. Ottilien. Anlässlich der Fastenzeit sind in der Klostergalerie zwei Hungertücher aufgehängt worden.

Aus dem Nachlass von Martha und Toni Silberhorn-Roth sind Teile eines alpenländischen Fastentuches aus dem 16. Jahrhundert zu bewundern, das den Leidensweg Christi zeigt. Erzabt Jeremias Schröder weiß dieses Geschenk zu schätzen und erinnerte an den Zweck dieser Tücher.

Seit 1976 Jahren prägen die Hungertücher des katholischen Hilfswerkes die Fastenzeit in den katholischen Kirchen. Von gläubigen Christen aus Afrika, Asien und Lateinamerika gemalt, ermöglichen sie eine Begegnung mit Menschen und Christen anderer Kulturen. Die Hungertücher interpretieren aus der unterschiedlichen Lebens- und Glaubenswirklichkeit der Künstler die Verkündigung Jesu sowie die Botschaft seines Todes und seiner Auferstehung.

Zunächst fallen dem Betrachter am Misereor-Hungertuch von Li Jinyuan die dominierenden Farben gelb und rot ins Auge. Scharf stehen die Farben in Kontrast zum Grau und Schwarz. Die Bildmitte erinnert an die Situation der Bergpredigt: Viele Menschen ziehen zu Jesus auf den Berg. Er steht im Mittelpunkt und erwartet sie in einem Kreuz aus strahlendem Licht. Zu seinen Füßen brennt ein Feuer. 

In vier runden Medaillons hat Li Jinyuan Seligpreisungen szenisch dargestellt, die folgende Themen aufgreifen: "Selig, die arm sind vor Gott" bezieht der Künstler auf das mühsame Leben der Yi, einer ethnischen Minderheit in China. Zu "Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden" zeigt er eine düstere Gefängnisszene, die an Menschenrechtsverletzungen und Diktatur erinnern soll.

Die Szene "Selig die Friedenstifter" weckt mit einem einträchtigen Miteinander von Tieren und Menschen die Vision vom allumfassenden Frieden zwischen Mensch und Natur. Jesu Wort "Selig sind die Trauernden" deutet der Künstler neu: Ein Lehrer gibt Bücher als einen Trost der anderen Art weiter - sie schenken Wissen und Bildung.

Nicht minder interessant sind Professor Lis andere Werke. Ein Tänzer zwischen den Welten, einmal als politisch und sozial engagierter, einmal als feiner lyrischer Farbenerzähler.

Dann wieder als klar strukturierter, abstrakter Maler. Großformatig sind seine Bilder, zeigen zuweilen typisch chinesische Landschaften und sind in drei Teile gegliedert. "In the Midst of the Universe" sind auf seiner Deutschlandreise entstanden. "Heaven's Tibet" zeigt des Künstlers Pilgerreise mit einem Mönch und Bilder mit dem Titel "Yangjuan" vervollständigen die sehenswerte Ausstellung.

Misereor griff den Brauch der Hungertücher Mitte der 70-er Jahre wieder auf. Ziel ist es, Künstler aus der Dritten Welt alle zwei Jahre ein Glaubenszeugnis aus ihrem Kulturkreis schaffen zu lassen.

Das Hilfswerk möchte die Gemeinschaft zwischen den Menschen der "Ersten" und der "Dritten Welt" aufzeigen. Eine weitere Absicht ist es, den religiösen und kulturellen Reichtum der wirtschaftlich unterentwickelten Länder sichtbar zu machen. Das Fastentuch hängt während der gesamten Fastenzeit von Aschermittwoch bis Karsamstag im Chor.

Das "Tuch der 40 Tage" trennt die Gemeinde optisch vom Altarraum und erlaubt lediglich, die Messe hörend zu verfolgen.

Dies stellt eine symbolische Trennung von Gott dar, der sich in Gestalt des Allerheiligsten den Gläubigen zur Strafe für ihre Sünden bis zur Auferstehung Jesu entzieht; zur körperlichen Buße des Fastens tritt eine seelische.

Der volkssprachliche Ausdruck "am Hungertuch nagen" bezieht sich nicht nur auf materielle Armut, sondern auch auf die als Bedrängnis empfundene Gottesferne.

Info: Die Ausstellung mit Werken des Künstlers Li Jinyuan in der Klostergalerie von St. Ottilien dauert bis 11. Mai. Geöffnet ist Mo. bis Fr. von 10 bis 12 und 13.30 - 17 Uhr, Sa./So. von 10.30 - 12 und 13.30 - 16 Uhr.

Manuela Rieger