LANDSBERGER TAGBLATT
03. Oktober 2009

Das Land, in dem die Arche strandete

St. Ottilien (löbh) - Die Erzabtei St. Ottilien ist wieder einmal ganz dicht am aktuellen politischen Geschehen dran, auch wenn sich dieses in Kleinasien abspielt. Nach fast einem Jahrhundert der Feindseligkeit zwischen dem Osmanischen Reich bzw. der Türkei mit den Armeniern haben die beiden Staaten am Samstag in Zürich vereinbart, diplomatische Beziehungen aufzunehmen und die Grenze zu öffnen.

Bis auf diesen Konflikt ist nicht viel bekannt über Armenien; vielleicht noch die satirischen „Radio Eriwan“-Geschichten - aber wer weiß schon, dass Eriwan die Hauptstadt des Landes im Kaukasus ist. Ein wenig Licht auf Armenien kann die aktuelle Ausstellung in der Klostergalerie St. Ottilien werfen. Unter dem Titel „Kreuz und Lebensbaum“ sind dort kunsthandwerkliche Gegenstände, meist mit Bezug zum Christentum, ausgestellt.

Der armenische Mathematiker und Künstler Vano Dadoyan stellte bei der Eröffnung der Schau die starke Verbundenheit Armeniens zur christlichen Kultur dar. Zum einen sei der Berg Ararat, auf dem die Arche Noah gestrandet ist, in seinem Land. „Außerdem ist der Glaube an einen einzigen Gott sehr alt und tief verwurzelt“, sagte Dadoyan.

Die russische bzw. sowjetische Herrschaft während der vergangenen 200 Jahre habe aber den Niedergang der armenischen Kultur bewirkt. Erst nach der Auflösung der UdSSR und der damit verbundenen Erlangung der Unabhängigkeit sei das Kulturleben wieder erwacht. „Nach der Befreiung hat eine Gruppe von Wissenschaftlern und Künstlern die Organisation ,Kenats Toun’ gegründet, was so viel heißt wie Lebenshaus.“ Diese Organisation hat sich laut Dadoyan zur Aufgabe gemacht, das wissenschaftliche, finanzielle und auch geistige Potenzial des Landes wieder anzuheben.

In der Schau sind unzählige christliche Symbole zu sehen, gefertigt in einer schier unüberschaubaren Vielzahl an Techniken. Das armenische Kreuz, traditionell nicht als Kruzifix, sondern als eine Art Lebensbaum gefertigt, steht natürlich im Mittelpunkt. Es ist meist aus Holz mit reichen Schnitzereien verziert, aber auch aus Ton modelliert oder in einem Materialmix mit Metall, Holz und Ton hergestellt. Ebenfalls ausgestellt sind Linol- und Holzschnitte, Fotografien von armenischen Sakralbauten im typischen Kubus. Seidenmalereien, Batikbilder, Patchwork, feine Mosaiken, auf hauchzarte Gewebe gestickte Bilder, Wandteppiche mit traditionellen Mustern, unzählige, mit dem armenischen Kreuz geschmückte Gruß- und Glückwunschkarten machen die Ausstellung zu einer wahren Fundgrube für Liebhaber von Volkskunst.

Eine weitere in Armenien gepflegte Kunst durften die Gäste der Eröffnung erleben. Araik Bartikian spielte geistliche Lieder mit der armenischen Duduk, einem oboenartigen Doppelrohrblatt-Holzblasinstrument.

Die Ausstellung „Kreuz und Lebensbaum - Christliche Kunst in Armenien“ ist bis 9. November zu sehen. Die Öffnungszeiten der Klostergalerie sind Montag bis Freitag 10-12 und 13.30-17 Uhr; Samstag 10-12 und 13.30-16 Uhr; Sonntag 10.30-12 und 13.30-16 Uhr.
 

(Text: R. Löbhard / Foto: M. Wind)