P. Cyrill Schäfer OSB (Erzabtei St. Ottilien)


rei Finger führen die Feder

  ... doch der ganze Körper wird dabei müde. So beschreiben mittelalterliche Schreiber ihre Arbeit, die sie den ganzen Tag ans Schreibpult fesselte. Ihrem Fleiss beim Abschreiben verdanken wir es, dass uns heute noch so viele Werke der antiken Literatur erhalten sind.

Unter den Klosterkünsten des Mittelalters war keine so hoch geschätzt wie die des Abschreibens. Etwas ironisch schreibt der hl. Alkuin († 804), Abt und Berater Karls d. Gr., dazu:

»Bücher schreiben, sauber, fein,
Ist edler als Genuss von Wein.
Denn Bücher stärken Seel und Geist,
Der Wein nur deinen Körper speist.«
Im frühen Mittelalter besass jedes Kloster seine eigene Schreibwerkstatt (Scriptorium), in denen auch die anfallenden Briefe und Urkunden erstellt wurden. Zur Ausstattung solcher Schreibwerkstätten gehörten neben den Schreibpulten wohl Farbkästen mit Tinten und verschiedene Farbpulvern sowie Truhen mit leeren Pergamentblättern und Musterbüchern.


Pergament, das aus der Haut von Kalb, Ziege oder Schaf hergestellt wird, hatte um das 4. Jahrhundert den Papyrus als Schreibmaterial abgelöst. Seinerseits wurde es dann im 13. Jahrhundert vom billigeren Papier abgelöst, dessen Herstellungstechnik aus China über die arabischen Länder nach Europa gelangt war. Mit der Haltbarkeit von Pergament kann es Papier freilich nicht aufnehmen, wie jeder Bibliothekar bestätigen wird, der sorgenvoll beobachten muss, wie seine älteren Papierbücher sich zunehmend auflösen. Die äußerst haltbaren Pergamentbände (Codices) werden dagegen gelegentlich vom Beschreibmaterial angegriffen. Besonders wenn die Tinten Eisenzusätze enthalten, kam es zum »Tintenfrass«, der anstelle der Buchstaben nur Löcher lässt. Schwarze Tinte wurde auch aus Ruß produziert, welcher freilich durch Feuchtigkeit angegriffen wird. Eine bräunliche Tinte ließ sich aus einem Sud von Schlehendornen herstellen, wobei durch die Beigabe von anderen Materialien Farbvarianten erreicht wurden. Für die Überschriften wurde üblicherweise rote Tinte verwandt, was sich heute noch im Wort »Rubrizieren« (von »rubrum«: rot) erhalten hat. Und für ganz wertvolle Texte wurden auch Gold- und Silbertinten genommen.

Als Leiter der Schreibwerkstatt trat üblicherweise der Bibliothekar auf. Denn wollte er seinen Buchbestand mehren, so blieb ihm nichts anderes übrig, als die gewünschten Werke abschreiben zu lassen. Da ein solches Unterfangen viel Zeit in Anspruch nahmen, beschäftigten Klöster, die Wert auf ihre wissenschaftliche Kultur legten, eine Vielzahl von Schreibermönchen. So soll das Scriptorium von St. Gallen im 9. Jahrhundert um die 100 Schreiber beschäftigt haben, die sich untereinander ablösten, wie man an den wechselnden Handschriften feststellen kann.

Die Vorlagen für die Bücher erhielt man durch Ausleihe von anderen Klöstern oder Kirchen. Hatte eine Abtei einige Handschriften doppelt, so konnte sie diese auch tauschen, wie man in zahlreichen erhaltenen Briefen entnehmen kann. Besonders wertvolle Handschriften wurden natürlich nicht gerne ausgeliehen, so dass sich ein Mönch persönlich in das andere Kloster begeben musste, um dort Wochen, wenn nicht Monate das gewünschte Werk abzuschreiben. Vielfach wurden auch Auftragsarbeiten angefertigt für andere Klöster, Bischöfe oder weltliche Würdenträger. Bücherschreiben war Schwerarbeit. Der Mönch Radulf schrieb darüber in einem seiner Werke:

»Behandelt diese Blätter vorsichtig! Fahrt nicht mit den Fingern über die Buchstaben! Ihr wisst nicht, was es heißt, ein Buch abzuschreiben. Das ist harte, drückende Sklavenarbeit: Der Rücken wird dabei krumm, die Augen werden matt, der Magen und die Gedärme krank. Bete darum, lieber Mitbruder, wenn du dieses Buch liest für den armen Gottesdiener Radulf, der all diese Seiten eigenhändig im Kloster St. Aignan geschrieben hat.«
Schon aufgrund dieser asketischen Seite war Bücherabschreiben derart geachtet, dass in manchen Klöstern die Schreiber sogar von einem Teil der Stundengebete befreit wurden. Nicht zuletzt bedurfte es für das Bücherschreiben auch einer gewissen Geschicklichkeit. Gerade die berühmten Schreibwerkstätten legen künstlerische Maßstäbe an ihre Handschriften an, welche eine sorgfältige Ausbildung und kalligraphisches Talent erforderten. Auch charakterlich wurden gewisse Anforderungen gestellt, wie eine Anweisung des frühen 9. Jh. erkennen lässt:
»Die Evangelien, die Psalmen und das Messbuch dürfen nur von Schreibern kopiert werden, die reif an Geist und Alter sind. Denn Irrtümer im Schreiben führen auch leicht zu Irrtümern im Glauben«.
Um solche Irrtümer zu vermeiden, wurde ein Buch nach vollzogener Abschrift von einem besonders qualifizierten Korrektor noch einmal mit der Vorlage verglichen und verbessert. Verbesserungen waren bei Pergament ja nicht schwer, da hier vorsichtig mit einem Messer die fehlerhaften Wörter weggeschabt werden konnten.

Große Schreibwerkstätten, deren Produkte zu den Höhepunkten europäischer Buchkunst zählen, befanden sich vor allem in St. Gallen, der Reichenau, Einsiedeln, Corbie, Fleury, Luxeuil, Tours und Echternach. Ab dem 12. Jahrhundert setzte ein Niedergang der Klosterwerkstätten ein, da nunmehr weltliche Schreibstuben den ständig wachsenden Bücherbedarf zu decken begannen. Welche Hochachtung das mühsame Bücherabschreiben genoss, mag eine Geschichte des 11. Jahrhunderts illustrieren:

Vor Gottes Gericht erschien ein Mönch, dessen böse Taten die guten Werke beinahe überwogen. Dem Verdammungsurteil konnte er schließlich doch noch entkommen, weil auf die Waagschale der guten Werke auch die Zahl seiner kopierten Buchstaben geworfen wurde. Dank ihrer wurde die Menge seiner bösen Taten um  ein geringes überboten.
 
 
 


JAHRBUCH DER ERZABTEI ST. OTTILIEN 2002
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