as vertonte Wort Gottes
von P. Willibrord Driever OSB (Erzabtei St. Ottilien)
Die einen lieben ihn, die anderen fürchten ihn: den gregorianischen Choral, dessen zunächst einfach erscheinende Einstimmigkeit unerwartete Tücken verbirgt. Bereits im frühen Mittelalter setzte er sich gegenüber anderen Gesangstraditionen als die verbindliche Form liturgischen Singens durch. Erst in neuerer Zeit verdrängten die Volkssprachen den schwer übersetzbaren lateinischen Choral aus dem Gottesdienst. Heute wird der gregorianische Gesang hauptsächlich noch in den Klöstern gepfegt.
Der Legende nach soll der lateinische Choralgesang auf eine musikalische Neuordnung zurückgehen, welche Papst Gregor d. Große († 604) durchführen ließ. Wie dem auch sei, als Mönch kommt man um eine eingehende Beschäftigung mit dem gregorianischen Choral nicht herum. Aus meiner Noviziatszeit ist mir eine Bemerkung des damaligen Kantors P. Berchmans Göschl unvergesslich: »Der lateinische Choralgesang ist das vertonte Wort Gottes.« Wunderbar! Diese prägnante Definition beeindruckte mich, und seitdem habe ich mich unzählige Male beim Singen gefragt: Was ist hier Wort Gottes? Die Herkunft der gesungenen biblischen Texte lässt sich in unserem Buch für den Messgesang, dem »Graduale Romanum«, glücklicherweise leicht feststellen dank einer Stellenangabe mit Kapitel und Vers, die jeweils über der ersten Notenlinie steht. Herausgegeben hat dieses verdienstliche Werk übrigens die französische Abtei Solesmes, die damit zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Neuaufbruch im liturgischen Gesang einleitete.
Choralgesang ist nicht Museumskunst, sondern eine religiöse Kunstform. Meine erste Begegnung mit dem Choral hatte ich bei einem Besuch in der Benediktinerabtei Gerleve, wo ich nach der Schulentlassung Exerzitien machte. Im Pfarrgottesdienst hatte ich noch nie Gregorianischen Gesang erlebt. Mit einigen weiteren Jungen durfte ich in der Zweiten Vesper von Fronleichnam liturgische Dienste verrichten. Als dann gesungen wurde, schienen sich »die Tore des Himmels« aufzutun. Starke, prägende Eindrücke! Zu-nächst verstand ich kein Wort, da ich noch nicht Latein gelernt hatte. Aber das machte nichts, es war einfach schön. Wir wussten, irgendwie hat das ja mit Gott und Glaube zu tun. Und das war genug.
In meiner Studienzeit trat ich dann einer Choralschola bei. Es waren die wilden Jahre der Liturgiereform. Wer damals den lateinischen Choral pflegte, machte sich schnell des »Klerikalismus« verdächtig. Aber uns gefiel es und den Leuten, denen wir bei gelegentlichen Einsätzen in verschiedenen Pfarreien vorsangen, auch. Wir probten viele Stunden für einen solchen »Auftritt«. Unvergesslich ist mir eine solche Probe für den Vierten Sonntag der Osterzeit, den »Sonntag des Guten Hirten«. Im Kommuniongesang (»Communio«) heißt es: »Ich bin der gute Hirte, ich kenne meine Schafe, und die Meinen kennen mich« (Johannes 10,14). Der lateinische Text endet mit »cognoscunt me meae«. Der damalige Schola-Leiter, heute Priester im Bistum Fulda, wies uns dabei auf die Lautmalung hin: im ausklingenden »meae« könne man das »Mäen« der Schafe hören. Noch öfters begegnete ich später solcher kunstvoller Umsetzung des Bibeltextes. So im Zwischengesang (»Tractus«) des Vierten Sonntages der Fastenzeit, dessen Notenbild eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Alpenpanorama vom Allgäu bis in die Schweizer Alpen samt der Zugspitze hat: »Wie die Berge Jerusalem rings umgeben...« (Psalm 125). Natürlich soll dieser Gesang mit aufsteigenden und absteigenden Sprüngen lediglich die Vorstellung eines gewaltigen Gebirges vermitteln. Eine ähnlich kunstvolle Umsetzung bietet der Gabengesang (»Offertorium«) zum Hochfest der Erscheinung des Herrn. Dort zieht sich das Wort »Tharsis« (Psalm 72) auf acht Noten einer Notenlinie hin, so dass man die lange und langsame Karawane der »Magier aus dem Osten« zu sehen glaubt, welche durch die eintönige Arabische Wüste dem Stern Christi nachziehen.
In den langen Sommerferien meiner Studienzeit konnte ich Reisen auf Frankreich ausdehnen. Im Kloster Fleury klang es noch engelsgleicher als im Westfalenkloster Gerleve. Die Mönche hauchten den Gesang, er schwebte durch die romanische Basilika, zelebriert in einer ästhetischen Liturgie, eingehüllt von Weihrauchschwaden, fast unwirklich und schmerzhaft schön. Damals ertappte ich mich bei der Frage: Hier wird Gott gefeiert. Ja! Aber was ist »draußen« in den entchristlichten ländlichen Gebieten..., in Paris... in den verslumten Vorstädten?
Choralgesang und Choralinterpretation sind eine Wissenschaft. Im Mittelalter wurde der Choralgesang mit besonderen Zeichen, den »Neumen«, notiert, welche Winke der dirigierenden Hand nachzeichnen. Es wurden verschiedene linienlose Notensysteme gebraucht, bis sich dann ungefähr seit dem 11. Jahrhundert die Quadratnotation durchsetzte, also quadratisch geformte Noten, welche über vier statt wie heute üblich fünf Notenlinien laufen. Gegenüber heutiger Notenschhrift unterscheidet sich die Quadratnotation noch dadurch, dass sie eigene Tonarten, die acht »Kirchentöne«, besitzt, deren Tonabstände sich nur mühsam in die heutigen, rational aufgebauten Dur- und Moll-Tonarten pressen lassen.
Besonders ins Gewicht fällt, dass die mittelalterliche Neumenschrift Feinheiten des gesanglichen Vortrages vermittelt, welche die moderne Notenschrift überfordert. So geben die Neumen vor allem genaue Hinweise zur Textartikulation und Tondauer. Daher geht man heute zunehmend dazu über, neben der Quadratnotation auch die Neumenzeichen wiederzugeben. Erfahrene Scholasänger greifen deswegen gerne auf das »Graduale Triplex« zurück, das die lateinischen Messgesänge in drei verschiedenen Notenschriften wiedergibt.
Die Wissenschaft von diesen musikalischen Handzeichen zur gesanglichen Interpretation nennt man »Semiologie« und ist genauso kompliziert, wie der Name vermuten lässt. An einem solchen Kurs konnte ich einmal teilnehmen. Da war die Rede von »augmentativer« und »diminutiver Liqueszens«, vom »Pes quadratus« und »Pes suppipunctus«... Ich bewundere aufrichtig alle Ordensmitglieder und interessierte Laien, die über den Eifer verfügen, dies zu verstehen und anzuwenden.
Im Laufe der Jahre sammeln sich Erinnerungen und Assoziationen zu vielen der Chörale an, die wir jahrein jahraus singen. Mir geht das besonders so bei der Vesper zu Maria Himmelfahrt. In der ersten Antiphon (Einleitungsgesang für
einen Psalm) wird die Gottesmutter gepriesen: »Aufgenommen ist Maria in den Himmel. Es freuen sich die Engel.« Eben dieser Text steht auf einer unser acht Kirchenglocken, die ihr zu Ehren erklingt. Die zweite Antiphon ist inspiriert vom Hohelied der Liebe und lautet: »Dem Duft deiner Salben wollen wir folgen.« Diese Antiphon fällt mir ein, wenn ich gelegentlich im Pfortenbereich des Klosters Duftwolken irgendwelcher Parfums wahrnehme. Und in der vierten Antiphon heißt es wieder nach dem Hohelied: »Schön bist du und voll Anmut, Tochter Jerusalems, furchtbar wie ein geordnetes Schlachtheer.« Mit diesem Wort »geordnetes Schlachtheer« (acies ordinata) beschrieb mir ein nostalgisch gestimmter Mensch einmal die liturgischen Glanzzeiten unseres Ordens, als die Mönche wie eben ein »geordnetes Schlachtheer« in die Kirche einzogen.
Im Hymnus der Marienvesper findet sich schließlich auch das Leitwort unserer Kongregation: »Licht den Blinden« (Lumen Caecis). Dieses Wort wird manchmal so verstanden, als ob wir das Licht zu bringen hätten. Aber genau genommen ist es eine Bitte an die Gottesmutter, dass sie den Blinden den Weg erleuchte. Und sie hat es getan. Dieses Licht ist Christus, und sie weist auf IHN hin, das menschgewordene Wort Gottes, welches wir verkünden, auch durch den Gesang des Choral - ein zerbrechliches Gefäß (vgl. 2 Kor 4,7).
JAHRBUCH DER ERZABTEI ST. OTTILIEN 2002
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