KALENDERBLATT ZUM 6. APRIL
VON ABTPRIMAS NOTKER WOLF OSB


NOTKER DER STAMMLER

Es ist alte Mönchsttradition, beim Novitiatseintritt wie bei der Taufe Patron zur Seite gestellt zu bekommen, nach dessen Namen  man von nun an benannt wird. In St. Ottilien darf jeder Kandidat drei Namen vorschlagen, von denen der Erzabt einen auswählt. Notker, der Stammler aus St. Gallen, war mir als letzter eingefallen, obwohl ich ihn schon zu meiner Seminarzeit ins Auge gefasst hatte.

Damals wusste ich noch nicht viel über ihn, aber irgendwie war mir dieser Mann sympathisch, der es nicht mal bis zum »Heiligen« gebracht hat, sondern nur zum »Seligen«. Das Kloster St. Gallen, in dem dieser Mönch im 9. und zu Beginn des 10. Jahrhunderts gewirkt hat, war zu sehr auf der Seite des Kaisers gestanden, als dass nach seinem Tod eine Heiligsprechung eine Chance gehabt hätte. Es war die Zeit, als Kaiser und Papst sich wegen ihrer Herrschaft, der weltlichen wie der geistlichen, oft feindlich gegenüber standen. Immerhin war ein Schüler St. Gallens aus der späten Zeit Notkers, der Bischof Ulrich von Augsburg, der erste, der im Jahr 993 überhaupt offiziell heilig gesprochen wurde. 1512 wurde Notker endlich von Papst Julius II. zum Seligen erklärt, zuerst für St. Gallen, ein Jahr später für die Verehrung im Bistum Konstanz. Bis dahin waren die von ihm gedichteten und komponierten Sequenzen schon in halb Europa bei Festgottesdiensten erklungen. Doch bald erlebte das Abendland den großen Glaubensbruch, nicht gerade eine Zeit, um Heiligsprechungen voranzutreiben. Die Chancen schwanden weiter, nachdem das Konzil von Trient die Messliturgie straffte, viele mittelalterliche Ausgestaltungen strich und nur mehr vier Sequenzen übrig ließ: die an Ostern, Pfingsten, am Fronleichnamsfest und zum Requiem, keine, die mein Namenspatron komponiert hatte. Die Schöpfungen des Thomas von Aquin und anderer hatten ihm den Rang abgelaufen; er selbst geriet in Vergessenheit. Als dann der Große Rat des Kantons St. Gallen 1805 die Abtei aufhob, gab es auch niemanden mehr, der an einer Heiligsprechung ernsthaft interessiert gewesen wäre. Ich glaube, es ist ihm sogar recht, und ich sehe ihn im Geiste jedesmal schmunzeln, wenn ich bekennen muß: »Mein Namenspatron ist nur ein Seliger.«

Notker als nachdenklicher Autor (St. Gallen um 1070)In St. Gallen war »Notker« ein beliebter Name, und es gab in der Blütezeit des 9. und 10. Jahrhunderts mehrere bedeutende Mönche dieses Namens. Die Alumnen der weithin bekannten Klosterschule oder auch die Mitbrüder gaben den bekannteren Mönchen Spitznamen, die ihnen bis heute geblieben sind: Der letzte von Rang und Namen hieß Notker Labeo, der Lefzige, († 1022) wegen seiner großen Lippe, als Meister der althochdeutschen Sprache auch Teutonicus, der Deutsche genannt, ein weiterer Piperisgranum, Pfefferkorn († 975), wegen seiner Apotheke, und auch Medicus oder Physicus wegen seiner ärztlichen Kunst und schließlich mein Patron: Notker Balbulus, der Stammler († 912). Die einen meinen - und so weiß es die Legende zu berichten -, weil er beim Reden gestottert hat, beim Singen allerdings fehlerfei seine sonore, alemannische Stimme zum Gotteslob erklingen ließ. Es war noch nicht bekannt, dass ein Stotterer beim Singen eben diese Sprachhemmung verliert. Andere hingegen meinen, ein Sangesmeister und Dichter könne wohl kaum gestottert haben. Er habe früh seine vorderen Zähne verloren - Plomben und Zahnersatz gab es ja damals nicht.

Wie dem auch sei: Notker der Stammler war durch große Lehrer wie Iso und den Iren Moengal geprägt worden, wuchs im Kreise anderer bedeutender Freunde auf wie dem Chronisten und Dichter Ratpert und dem vielseitig begabten Künstler Tutilo, denen er auch weiterhin eng verbunden blieb. Er selbst hat diese kulturellen Lebendigkeit dieser Gemeinschaft mitgestaltet und seinen Schülern weitergegeben. Als Lehrer brachte er ihnen ein für die damalige Zeit geschliffenes Latein bei. Karl der Große hatte 50 Jahre zuvor dem kulturellen Niedergang des Abendlandes Einhalt geboten, Schulen gegründet, die Leute zum Lesen und Schreiben animiert - wenn auch nicht gerade mit sonderlichem Erfolg - und geistige Größen wie Alkuin, Theodolf, Paulus Diaconus, Einhart zur kulturellen Reform nach Aachen geholt. Die Künste blühten wieder auf, und die Pflege einer guten, feierlichen Liturgie ist ihm ein Herzensanliegen gewesen. Er selbst habe mitunter gegen Schlampereien beim Gottesdienst eingegriffen, berichtet der Stammler. Das Andenken des großen Karl war damals noch so lebendig, dass Notker Begebenheiten aus dessen Leben für Kaiser Karl III. den Dicken in einem Büchlein festgehalten hat. Letzterer hat Notker besonders geschätzt und sich des öfteren bei ihm Rat geholt.

Prachthandschrift mit einer Sequenzensammlung Notkers (St. Gallen, 11. Jhdt.)Eine Zeit lang war Notker die kostbare Bibliothek anvertraut, deren Bestand wir heute noch bewundern können. Bücher waren damals unschätzbare Kostbarkeiten. Der Buchdruck kam erst Jahrhunderte später auf. Alles mußte mit der Hand geschrieben werden. Notker leitete in dieser Zeit die Schreibstube. Den Bücherbestand sichtete er kritisch und versah Katalog und Bücher mit mancherlei kritischen Anmerkungen. In seiner Zeit fing man auch an, die liturgischen Gesangestexte mit Zeichen zu versehen, sogenannten »Neumen«, welche die Handbewegung des Chorleiters nachzeichnen. Es war immer schwieriger geworden, die Melodien in ihrem Fluß und ihrem Tempo nur auswendig weiter zu vermitteln. Ausgerechnet dem stammelnden Mönch lag viel an einer exakten Interpretation. Vielleicht achtete er eben wegen seiner Behinderung noch mehr darauf als andere.

Notker war durch und durch Pädagoge, und so ging er auch das damalige Problem der langen Alleluja-Melodien an. Es wurden Barocke Stiftskirche St. Gallen (18. Jhdt.)immer wieder Klagen laut, dass die auf den Beginn folgenden vielen Noten, die auf der Silbe »ja« gesungen wurden, schwer einzuprägen seien. Aus dem westfränkischen Kloster Jumièges übernahm er daher die Anregung, die Noten mit Textsilben zu unterlegen bzw. sie mit festlichen Texten zu begleiten. Sein Lehrer Iso wies ihn darauf hin, am besten jede Note mit einer Silbe zu belegen. Daraus entstanden die Sequenzen germanischen Stils: Hymnen nicht in in metrischem Versmaß, nicht in Reimen, sondern Dichtungen in der Tradition der Psalmodie mit dem künstlerischen Fluß von Wortakzenten. Wie beim Psalmengesang wurden die Strophen abwechselnd von beiden Chorseiten gesungen. Notker dichtete und komponierte seine erste Sequenz für den Freitag nach Ostern und dann immer mehr. Seine bedeutendste und beliebteste wurde die zum Pfingstfest »Sancti Spiritus assit nobis gratia - Des Heiligen Geistes Gnade sei mit uns«. Sein irischer Lehrer Moengal, der Notker seinerzeit auch Griechischkenntnisse beigebracht hat, nahm die Sequenzen in den Kult auf. 884 hat Notker die Sequenzen in einem Hymnenbuch zusammengestellt und seinem Landsmann dem Bischof Liutward von Vercelli, dem Kanzler Karls III., gewidmet. Über diesen gelangten sie an den kaiserlichen Hof und wurde so im ganzen Reich bekannt. Notkers Hymnenbuch wurde so sehr zu einem Standard-Liederbuch, dass später in Neuausgaben Sequenzen anderer Autoren ohne deren Namensnennung aufgenommen wurden, und es heute schwer ist, die echten Notker-Sequenzen von den Dichtwerken anderer zu unterscheiden.

Notker hat bei seiner Beschäftigung mit den Sequenzen in dem Prinzip der Gegen-Strophigkeit ein neues Stilmittel entdeckt und für etwas ganz Neues angewandt. Die damals allgemein bekannte Gallus-Vita des berühmten Lateiners Walafrid war in seinen Augen zu schwach und entsprach nicht der Größe des hl. Gallus. So forderte er seinen begabten Schüler Hartmann auf, zusammen mit ihm, in Wechsel-Strophen eine neue zu entwerfen. Die beiden spielten sich gegenseitig den Ball zu; den Strophen des einen folgten die des andern - ein dialogisches Kunstwerk von Meister und Jünger, von Freund zu Freund. Briefe an seine Schüler zeugen auch sonst von dieser Menschlichkeit des großen Lehrers. Er förderte seine Schüler, forderte sie heraus, bis sie zu ihm ebenbürtigen Freunden und Meistern heranwuchsen.

Am 6. April 912 hat er, wohl verbreitet durch die Sakramente und das Gebet seiner Brüder, sein reich erfülltes Leben von sieben Jahrzehnten Gott zurückgegeben. Er verbrachte sein ganzes Leben im Kloster, von ein paar dienstlichen Reisen ins Allgäu, nach Zürich und ins alemannische Reich abgesehen. Selig ist er nicht wegen einiger Wundertaten, die von ihm berichtet werden,sondern weil die Gnade Gottes ihn zu menschlicher Reife und menschlicher Größe geführt hat.


 


JAHRBUCH DER ERZABTEI ST. OTTILIEN 2002
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