» Lebendige Darstellung des Mysteriums «
   Zur Kunst von P. Polycarp Uehlein OSB
 
von P. Meinrad Dufner OSB (Münsterschwarzach)

 
Im Jahre 2001 ehrte die Abtei Münsterschwarzach P. Polycarp Uehlein anlässlich seines 70. Geburtstages mit einer Kunstausstellung. In Deutschland sind P. Polycarp, der mehr als die Hälfte seines Lebens in Tanzania verbrachte, und sein Werk wenig bekannt. In seiner afrikanischen Heimat jedoch erzählen die Wände zahlreicher Kirchen von seiner Schaffenskraft.

Will ich das Haus seiner Kunst betreten, so beginne ich am ehesten bei der Begrüßung seiner Person. P. Polycarp Uehlein OSB ist von flinker, zierlicher Gestalt. Alles wirkt wie leicht bewegliches Astwerk oder Laub. Diese Agilität der Füße, Hände, des Redens hat ihre Mitte, ihr Ruhendes in dem auffallend großen Kopf mit der hohen Stirn. Mich schauen Augen voller Lebendigkeit, freundlich, unendlich interessiert an. Und die Ohren sind geradezu sichtbares Hören, von der Nase mit ihrem feinsten Riechvermögen gar nicht zu reden. Alles wird von den restlichen, wild wuchernden Haaren, die feinen Antennen gleichen, bekränzt. Ich bin versucht, bei ihm in das »Dichter und Denker«-Klischee zu verfallen. Dieser feingliedrige, leise, schüchtern wirkende Mensch ist der Schöpfer von Bildern monumentalen Ausmasses. 6 x 8 qm oder 100 qm Betonfläche zur farbigen Lebewelt zu verwandeln, ist wahrhaftig kein Leichtes – allein die Turnkür auf den hohen Gerüsten.

Wie kam P. Polycarp zu solcher Malerei und Aufträgen? Begonnen hat wohl alles im Elternhaus. Ich gewahre in ihm seine Mutter, das freundliche, kleine Persönchen, die Frau von der Kafeerösterei und dem kleinen Lädchen in der Amorbacher Innenstadt. Anwesend ist ständig jener Lehrer, der den Knaben Otto Uehlein zu Musik und Literatur aufweckte. Ich spüre die Brüder und kunstbeflissenen Freunde aus den Schüler- und Studienjahren. All das hat diesen so feinsinnigen und kulturkennenden Maler geschaffen. Natürlich war es auch sein eigenes Kunststudium, das er in den Jahren 1960-63 in Frankfurt a.M. betrieb. Diese Jahre waren aber eher von der Betonung abstrakter Kunst als damaligem Inbegriff der Malerei geprägt. P. Polycarp erzählt selbst, dass ihm in dieser Zeit die Figur, der Akt beinahe ausgetrieben wurde. Erst Jahrzehnte später durfte er sich das Verwehrte bei den Salzburger Studienwochen gönnen.

Altarwand in Ayalagaya (1986) - AbendmahlSo gerüstet oder auch wieder nicht, verpflichtete ihn 1963 die klösterliche Beauftragung nach Tanzania/Ostafrika, wo es einen neu erscheinenden Katechismus zu illustrieren galt, sicher eine zu kleine Arbeit für die Formfülle und Schaffensfreude des jungen Künstlers. Doch die enge Pforte brachte P. Polycarp in ein Land, reich an geweißelten Wänden, Innenräume von solide, aber auch zeitgemäß gebauten Kirchen, wie es für die Bauweise der Missionsbenediktiner eben typisch ist. Aber diese leeren Wände! Diese funktionalen Hallen, die ja doch geistliche Räume sein wollten! Das war die Erweckung des Polycarpschen Werkes. Sicher hat dabei auch der unvergessliche Erschließer neuer Wege, P. Ildefons Weigand, beigetragen, dessen St. Paulskirche in Mtwara als eine der ersten und bedeutendsten Arbeiten von P. P. Polycarp gelten darf.

Was will die Polycarpsche Kirchenmalerei? Sie kommt erzählend auf einen zu, ohne moralischen Zeigefinger. Sie ist auch kein Gedankenkonstrukt, keine zusammengesuchte Symbolik, wie sie allzu beflissene Katecheten gerne sehen. Nein, sie ist wie die wilde Bibel selbst eine Ansammlung von Bildern, die als Zusammenstellung erst eine theologische Botschaft bringen. So wie die Heilige Schrift sich selbst auslegt mit ihrem Früher, Später und Jetzt, so sind die Kirchenmalereien von P. Polycarp ein Deuteraum von Leben, von Zueinander und Miteinander: eine Welt erzählter Geschichten, die zusammengenommen ein Sinnhaus ergeben.

Mtwara: Schöpfung (1973-76)Die Themen – wie könnte es anders sein – heißen Schöpfung, Paradies, Adam, Eva, Kain und Abel, der sprachenverwirrende Turm und Jakob, der Gottesgauner, die Josefsgeschichte, Mose natürlich – alles von Abraham bis zum offenen Himmel des schauenden Ezechiels. Neutestamentlich wird gezeigt, was die Jesusgeschichte erzählt von Weihnachten bis Pfingsten und die Gleichnisse. Vor allem finden wir immer wieder – was die Eucharistieräume ja nahelegen – das Abendmahl. P. Polycarp wird zu einem Meister in der Kunst, aus Gemeinde und Priester, aus Altarbild und Altartisch einen Tanz heutigen, aktuellen Geschehens zu schaffen. Varianten dieses Themas finden sich immer wieder, stets neu und jedes Mal meisterlich.

Das charakteristische Stilmittel all dieser Großbilder, dieser rundum bemalten Räume sind die Farbfelder, welche die Flächen gliedern. Diese öffnen und schließen, heben und senken die harten Wände, ergeben eine Landschaft oder einen Ozean des Flutens. Dahinein oder dort heraus treten dann medaillonartig die biblischen Szenen. Als Findlinge des Kostbaren sind sie in Erzählmulden gelegt oder auf Höhen gestellt, die Konkretionen der Heiligen Geschichte.

Aus dem figürlichen Werk darf nicht die Darstellung des Christus in der Mandorla unerwähnt bleiben. Mehrmals hat der Maler sich dieses geheimnisvollen Themas angenommen. Hier ist vor allem der Punkt, wo das Figürliche ins Abstrakte und große Symbol umschlägt, meist mit einem erneuten Zuwachs an Kraft. Jene mutet uns P. Polycarp vollends zu, wenn er es wagt, einen Altarraum gänzlich als abstrakte Komposition zu belassen. Dann stehen wir inmitten von Großlinien und Bewegungen, die durch uns hindurchgehen, aus der Ferne kommen und wieder dort hingehen. Es sind faszinierende Sakralräume, die ihren Eindruck auch auf die bildlosen Islamiten Tanzanias nicht verfehlen.

Altarwand der Kathedrale von Lindi (1983)Sein reiches Werk ist leider auf Gedeih und Verderben an die Wandflächen Ostafrikas gebunden. Dort nagen die extreme Witterung oder auch Vernachlässigung an seinem Bestand. Um so wertvoller ist der von Bruno Franzen herausgegebene Bildband »Africa – Tanzania – Polycarp«, in welchem Thomas Cugini die Bilder von P. Polycarp wenigstens photographisch für die Nachwelt festgehalten hat. Ein weiteres Fortleben des Polycarpschen Werkes ist seinem Schüler Henry Likonde zu verdanken. Auch nehmen die Makondeschnitzer seine Bildwelt auf und zitieren sie in ihren Figuren als Weihnachtskrippe oder Osterleuchter.

In Europa finden sich nur wenige Zeugnisse seiner Wandmalerei. Die große Stirnwand der Sakristei von Münsterschwarzach vermittelt einen Eindruck des Gesagten. Die Erzabtei St. Ottilien besitzt in der Schulkapelle und im Klosterrefektorium Wandbilder von P. Polycarp. In der Diözese Würzburg gibt es drei von ihm ausgemalte Kirchen. Ein ebenso lebendiger und überzeugender Kunstmaler ist P. Polycarp als freier Künstler, wenn er mal nicht »Figürliches« im Auftrag schafft. Diese Arbeiten sind meist in luftiger Flug, eine Bewegung aus Form und Farbe. Man wird unwillkürlich an den Musiker, Opernfreund und Sänger Polycarp erinnert. Es sind Bilder als Farbsymphonien, Bögen wie kraftvolle Striche auf dem Cello. Ab und zu zitiert sich das Gegenständliche, wird Gesicht, Gestalt, Andeutung, aber verhuscht dann wieder geheimnisvoll.
Zum Schluss sei noch der Zeichner, Karikaturist, der Witzbold Polycarp erwähnt, der die ersten Werke von P. Adalbert Sepoldt illustrierte. In Münsterschwarzach zeigte das Gästehaus, bevor man es frömmlich verschnitt, frech-wahre Schnappschüsse von Mönch und Gast.

Wie soll ich zusammenfassen? P. Polycarps Kunst ist, ohne aufdringlich religiös zu sein, eine wirkliche Frohbotschaft. Er hat Sinnräume geschaffen, Weggeschichen aufgereiht, Symphonien des Geistes sichtbar gemacht. »Sonne überwiegend« heißt einer seiner Bildtitel. Sein Geheimnis ist doppelt und tief. Mir scheint, es spricht aus den Worten des nach unten Gestürzten, dem er mit dem Dichter Paul Celan einen Goldklumpen zum Überleben nachwirft:

»Du wirfst mir Ertrinkendem Gold nach. Vielleicht läßt ein Fisch sich bestechen.«
 
Einen Überblick zum Werk von P. Polykarp Uehlein gibt der folgende Bildband:
Bruno Franzen (Hrsg.): Africa - Tanzania - Polycarp. -
Vier-Türme-Verl., Münsterschwarzach 1996

ISBN 3-87868-569-6


 

JAHRBUCH DER ERZABTEI ST. OTTILIEN 2002
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