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1. WAS IST BERUFUNG?
"Wie die Heiligkeit Ziel aller in Christus
Getauften ist, so hat jedes Leben seine eigene, besondere Berufung; und
wie erstere in der Taufe gründet, so ist die zweite mit der bloßen
Tatsache seines Daseins verbunden. Die Berufung ist der vorhersehende Gedanke
des Schöpfers über das jeweilige Geschöpf, sie ist sein
Idealplan, ist wie ein Traum, der Gott am Herzen liegt, weil ihm das Geschöpf
am Herzen liegt. Gott, der Vater, will diesen Plan unterschiedlich und
spezifisch für jedes Leben. Der Mensch ist nämlich ins Leben
'gerufen', und wenn er ins Leben eintritt, trägt und findet er in
sich das Abbild dessen, der ihn gerufen hat.
Die Berufung ist die Einladung Gottes,
sich entsprechend diesem Bild zu verwirklichen, und sie ist einzig, einmalig
und unwiederholbar, weil dieses Bild unerschöpflich ist. Jedes Geschöpf
ist berufen, diese Botschaft und einen besonderen Aspekt des Gedankens
Gottes zum Ausdruck zu bringen. In ihm findet es seinen Namen und seine
Identität; es behauptet und sichert seine Freiheit und Originalität.
Wenn also jedem Menschen von Geburt an
seine eigene Berufung zukommt, dann gibt es in der Kirche und in der Welt
verschiedene Berufungen, die, während sie einerseits auf theologischer
Ebene die dem Menschen eingeprägte Ebenbildlichkeit mit Gott zum Ausdruck
bringen, andererseits auf der pastoralen Ebene auf die verschiedenen Bedürfnisse
der neuen Evangelisierung antworten und die Dynamik und Gemeinschaft der
Kirche bereichern" (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 131,
Neue Berufungen für ein neues Europa. Schlußdokument des Europäischen
Kongresses über die Berufungen zum Priestertum und Ordensleben in
Europa, Rom, 5.-10. Mai 1997, 6. Januar 1998; Hrsg.: Sekretariat der Deutschen
Bischofskonferenz, Bonn, 22f.).
Unter Berufung versteht man im allgemeinen
eine innere Gnade
- sie ist ein reines Geschenk Gottes,
- sie geht aus der Freiheit Gottes hervor,
- sie hat einen übernatürlichen
Charakter.
Gott weckt die Berufung; und er bestimmt
die Umweltverhältnisse, in denen der Anruf erfolgt. Der Herr berücksichtigt
die Lebensverhältnisse des Berufenen. Der von Ihm Angesprochene ist
auf diesen Anruft vorbereitet, hingeordnet und damit beschenkt.
Es ist undenkbar, daß Gott jemanden
ruft, ohne ihm wenigstens die entsprechenden Fähigkeiten im Keim zu
verleihen (äußere Gnaden). Nach und nach läßt ihm
die innere Gnade zu Bewußtsein kommen, daß alles in seinem
Leben in der Richtung auf diese Geistliche Berufung hinausläuft. Auf
immer dringlichere Weise lädt sie ihn zur freiwilligen Annahme des
Anrufes ein, der von Mal zu Mal deutlicher in ihm aufklingt. (vgl. Raymond
Hostie, Kriterien geistlicher Berufung, Salzburg 1964, 12-17).
Geistliche Berufung:
'Gott ruft jeden, aber mit anderer Stimme'
(Y. Congar). Die Berufung jedes Christen hat Anteil an der Berufung der
Kirche, auch in den Unterschieden hinsichtlich Lebensform und Tätigkeitsbereich.
In besonderer Beziehung zur Kirche stehen die 'kirchlichen Berufungen'
im eingegrenzten Sinn, die 'geistlichen Berufe' des Priesters und Ordenschristen.
Diese beiden Grundformen sind nicht Monopole der geistlichen Berufung,
sondern beziehen sich auf einen bestimmten Auftrag in der Kirche.
Die geistliche Berufung zum Priestertum
bedarf der Bereitschaft des Kandidaten und der Eignung, für die im
Laufe der Geschichte die Kriterien wechseln. Gesundheitliche, charakterliche
und intellektuelle Eignung sowie Fähigkeit zur Verantwortung für
das eigene Leben, für die Kirche, für die Welt und die Erde sind
Grundlagen zur Reifung einer personalen Identität, in der die kirchlichen
Aufgabe und die Lebensform nach den Evangelischen Räten angenommen
und gestaltet werden können. Zur Eignung kommt die Annahme durch die
Kirche, die sich in der Weihe (Weihesakrament) ausdrückt, als unverzichtbarer
Bestandteil der Berufung.
Die geistliche Berufung zum Ordensstand
wird je nach Gründungscharisma in einen kontemplativen oder aktiven
Orden führen. Allen Orden gemeinsame Kennzeichen sind das Leben in
Gemeinschaft und das durch die Gelübde besiegelte Leben nach den Evangelischen
Räten. Eignung und Annahme durch die Ordensgemeinschaft sind auch
hier konstitutiv. Zu den geistlichen Berufungen im weiteren Sinne zählen
die Drittorden, pastorale Dienste, Säkularinstitute und in neueren
Aufbrüchen Basisgemeinschaften, geistliche Gemeinschaften und geistliche
Bewegungen.
Geistliche Berufungen entzünden sich,
- wo das Hören von Schrift und Verkündigung,
- das Erleben glaubwürdigen Lebens,
- die Wahrnehmung der jetzigen Zeit
- und des inneren Wortes der Sehnsucht
zusammenkommen.
In solchem Hören auf den Geist wird
der persönliche Ruf vernehmbar. Dazu bedarf es in der Regel der unterscheidenden,
erfahrenen Begleitung, die entdecken hilft, 'worauf es ankommt' (Phil 1,10).
Jede geistliche Berufung bedarf der Quellen
und der Pflege, will sie wachsen und reifen. Ihr Sinn erschließt
sich und liegt im 'Vorrang des geistlichen Lebens' (J. Sudbrack). Dieses
Fundament jeder geistlichen Berufung hat seine Mitte im Du zu Gott.
Es wird gestärkt
- im kontinuierlichen Hören der
Schrift,
- im persönlichen und gemeinschaftlichen
Gebet,
- in menschlichen Beziehungen,
- in der Übernahme konkreter Verantwortung,
- in der Reflexion eigener und gesellschaftlicher
Verhältnisse,
- im gelebten Verzicht,
- in der Ordnung des Lebens,
- in geistlicher Begleitung,
- im Mitleben mit der Kirche.
Das Du zu Gott läßt der kommenden
Gottesherrschaft, auf die jede geistliche Berufung bezogen ist, innewerden.
Der Kern der Gottesherrschaft ist: sich von Jesus rufen zu lassen. Das
ist ein andauerndes Geschehen" (Paul Deselaers, Artikel "Geistliche Berufung",
in: Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg-Basel-Rom-Wien 1994,
Band 2, Sp. 305-306).
2. RUFZEICHEN
So einfach geht das nicht: Die richtige
Nummer wählen, den Namen sagen und seine Fragen stellen - vom anderen
Ende her präzise Antwort, alles klar. Oder angerufen werden, einen
eindeutigen Auftrag bekommen - wissen, was zu tun ist. Wie Stroh, in das
Feuer fährt, wäre unsere Freiheit, wenn Gott sich uns direkt
mitteilen würde. Da es ihm aber auf unsere freie Zustimmung ankommt,
wenn er uns in Bewegung bringen will auf sich und Mitmenschen zu, birgt
er seinen Anruf in schonende menschliche Zeichen. Begegnungen, Ereignisse,
Erwartungen und Not anderer, aber auch eigene Neigun-gen, Begabungen und
Grenzen können seine Rufzeichen sein.
Wie geschieht Berufung? Für gewöhnlich
nicht spektakulär. In der Weise eines mit langem Atem (von seiten
Gottes) geführten Dialogs. Der Anruf ist in der Regel leise, geduldig
ungezählte Male neu ansetzend, in tausend alltäglichen Dingen
verborgen ankommend.
Wie aber kann man diese Anrufe erkennen?
Zuerst gilt es, die "Anlage" intakt zu halten, zu bringen; nicht eine Apparatur,
sondern sich selbst, seine menschlichen-christlichen Grundfähig-keiten.
Sodann gibt es Erkennungszeichen; freilich
ist Berufung - wie alles Personale - nicht in eine chemische oder sonstige
Formel zu fassen.
Grundlagen
* Sich selber entdecken, annehmen, bejahen
lernen, wie man ist; und immer neu den Mut aufbringen, das Beste aus sich
und den Gegebenheiten zu machen.
* Aufbrechen aus der Ichverfangenheit,
Kampfansage an den Egoismus; über sich selbst hinausgelangen, nicht
ständig auf Selbstfindung aus sein, die in allem und jedem nur sich
selbst sucht. Offen werden auf das Du hin: das Du von Mtmenschen, das Du
Gottes.
* Lebenslang den Willen trainieren, die
eigenen Kräfte und Bedürfnisse, die oft in Widerstreit zu einander
geraten, einander über- und unterzuordnen.
* Den geistigen Interessen Vorrang geben
vor den materiellen. Wer nicht darauf aus ist, den Grund, die Wahrheit
der Dinge zu erkennen, gleicht einem, der seine Telefonanlage abschaltet
(Leitung tot!); verliert sein Orientierungsvermögen und das menschliche
Gleichgewicht.
* Die Spannung zwischen dem Streben nach
Selbständigkeit und der notwendigen Anpassung aushalten.
* Seine Unterscheidungsfähigkeit
entfalten: kritisches (=unterscheidendes) Verhalten, auf Distanz-Gehen
einüben; andererseits das Vertrauen vertiefen, sich einzulassen auf
jemand, auf etwas, sich zu identifizieren.
* Die Fähigkeit, sich selbstkritisch
zu sehen, vernünftig pflegen; sich selbst, sein Verhalten, seine Motive
möglichst unbefangen, wahrhaftig prüfen lernen.
* Den Mut haben, sich in den Fragen des
eigenen Lebensprojektes nicht verfrüht festzulegen, sondern in seinem
ganzen Verhalten offen zu bleiben für die verschiedenen Möglichkeiten;
andererseits den Mut ahben, sich rechtzeitig zu entscheiden, Schritt für
Schritt.
* Wer den Willen Gottes in den zahllosen
alltäglichen Begegnungen, Anforderungen, Entscheidungen zu entdecken
und zu tun sucht, entfaltet auf die beste Weise seine Fähigkeit, in
den großen Lebensentscheidungen den Plan Gottes zu entdecken und
zu verwirklichen.
3. Erkennungszeichen von Berufung
1. Innere Unruhe über die jetzige
Situation, ohne erkennbaren äußeren Grund - also nicht: Versagen,
Anpassungsschwierigkeiten, Rollenunsicherheit...
2. Erfahrung von Freude am selbstlosen
Dienst für andere.
3. Verständnis für eine religiöse
Motivation des ganzen Lebens - nicht nur für Sektoren oder einzelne
Anlässe.
4. Integration (wenigstens ansatzweise)
des religiösen Lebens in die gesamte Lebensführung.
5. Mut, auf die "Belohnung" für selbstloses
Tun zu verzichten, also Dank nicht unmittelbar erwarten zu müssen.
6. Freude an Geistlichem schlechthin,
an spirituellen Werten und Vollzügen.
7. Aufgeschlossenheit für das Weitersagen
der Frohen Botschaft als Antwort auf die Sinnfrage (Mission).
8. Hingezogensein zu Meditation und Gebet.
9. Hingezogensein zur Feier der Eucharistie.
10. Bereitschaft und Fähigkeit zu
Kontakt und Zusammenarbeit, zur Integration in eine Ordensgemeinschaft.
(vgl. Emil Spath, Rufzeichen, in: PWB-Broschüre
"Du weißt meinen Namen. Thema: Berufung"
Einige Fragen zur Klärung der eigenen
Berufung
Wer ernsthaft überlegt, in einen
Orden oder ein Kloster einzutreten, könnte sich in der Phase der Klärung
folgende Fragen stellen:
1. Was bewegt mich zum Leben in einem
Orden?
Warum möchte in ein solches Leben
beginnen? Bin ich bewegt durch eine persönliche Beziehung zu Christus?
Spüre ich eine Zuneigung zu ihm und ein Verlangen, ihm radikal nachzufolgen?
Was sonst bewegt mich zum Eintritt in den Orden? Was erwarte ich mir vom
Ordensleben? Was befürchte ich, wenn ich nicht eintrete?
2. Was bewegt mich, in diesen speziellen
Orden einzutreten?
Warum möchte ich gerade in diesen
speziellen Orden eintreten? Habe ich diesen Orden genügend kennengelernt?
Kenne ich seine Ziele, seine Spiritualität? Kann ich mich damit identifizieren?
Kenne ich seine konkrete Weise zu leben, zu beten, zu arbeiten? Welches
Gewicht haben persönliche Beziehungen zu Mitgliedern dieses Ordens?
Habe ich mich über andere Orden informiert?
3. Bin ich geeignet für einen solchen
Weg?
Wenn ich nicht nur auf meine Ideale schaue,
sondern auf meine konkreten Eigenschaften, Charakterzüge, Stärken
und Schwächen: sehe ich eine realistische Chance, dieses Leben im
Orden führen zu können? Habe ich erste Erfahrungen mit dieser
Lebensweise gemacht? Wie ging es mir dabei? Halten mich Freunde, die mich
gut kennen, für diesen Weg für geeignet?
4. Was bedeutet mir ein Leben nach den
Evangelischen Räten?
Habe ich genügend nachgedacht über
die Evangelischen Räte, die drei Grundpfeiler des Ordenslebens, nämlich
Armut, Keuschheit und Gehorsam? Bei jedem einzelnen dieser drei Gelübde
könnte ich mich fragen: Was bedeutet für mich dieses Gelübde?
Was zieht mich daran an? Worin sehe ich persönlich seinen Wert? Wo
erlebe ich Widerstände? Was wird mir wohl schwer fallen?
5. Wo habe ich noch viel zu lernen?
Mal angenommen, ich werde in diesen Orden
aufgenommen, wo müsste ich noch am meisten an mir selber arbeiten?
Was muß ich wohl noch mit viel Geduld kennenlernen und einüben?
Wo sehe ich kritische Punkte, die ich während der Erprobungszeit im
Noviziat genauer anschauen möchte?
6. Schlußfrage:
Habe ich genügend Vertrauen auf
Gott, um einen solchen Weg zu beginnen?
(P. Franz Meures SJ, in: WEGBEREITER.
Magazin für Berufe der Kirche 3/96, 13)
B. Was spricht für die Herkunft
vom Geist Gottes?
Was kommt nicht vom Geist Gottes?
| Im allgemeinen und
in der Regel spricht für die Herkunft vom Geist Gottes: |
Im allgemeinen und
in der Regel kommt nicht vom Geist Gottes und ist also nicht Wille Gottes: |
| 1. Wenn mir für ein Vorhaben
gute Gründe zur Verfügung stehen. |
1. Was über meine Kräfte
geht, was mich permanent überlastet und überfordert. |
| 2. Wenn mir auch die nötige
Zeit und Kraft dafür gegeben ist. |
2. Was nur mit äußerster
Anstrengung, mit Gewalt und Kampf verwirklicht werden kann, mit viel Hast
und Hektik verbunden ist und Ängste auslöst. |
| 3. Wenn sich etwas gut einfügt
in den Rahmen meiner anderen Aufgaben und Verpflichtungen. |
3. Was maßlos und verstiegen
anmutet, aufsehenerregend und sensationell auf mich und andere wirkt. |
| 4. Wenn sich etwas "wie von selbst"
mir nahelegt. |
4. Was ich nur mit dauerndem Widerwillen
und Ekel tun kann. |
| 5. Wenn ich bei der Erwägung
eines Vorhabens ein "gutes Gefühl" habe, mag das Vorhaben auch noch
so schmerzlich und hart für mich sein. |
5. Was sich ordinär, primitiv
und unästhetisch gibt. |
| 6. Wenn die betreffende Sache
auch ästhetisch schön und ansprechend ist. |
6. Was kleinlich, haarspalterisch
und spinnig wirkt. |
| 7. Wenn ich mir gut vorstellen
kann, daß auch Jesus so entscheiden und handeln würde. |
7. Was keine Erdnähe hat
und nicht konkret werden kann (vgl. 1 Joh 4,1-4: Das inkarnatorische Prinzip). |
| 8. Wenn ich mich bei einem Vorhaben
"in guter Gesellschaft" befinde (vgl. Leben der Heiligen). |
8. Was lieblos ist und sich für
mich und andere destruktiv auswirkt. |
| 9. Wenn ein Vorhaben in mir Glauben
und Vertrauen hervorruft bzw. herausfordert. |
9. Was nicht zu der Art und Handlungsweise
Jesu paßt, wie ich ihn kennengelernt habe. |
| 10. Wenn es der Liebe dient: Ausdruck
der Liebe ist und sie stärkt. |
10. Was mir den Sinn für
das Gebet und die Freude daran raubt. |
Kriterien zur Unterscheidung
der Geister
(Quelle: C-Magazin 1/1997,
S. 19)
| Die Geister der Verwirrung |
Der Geist Gottes |
| - führen zu Haß,
Neid, Eifersucht und Streit
fördern Rechthaberei und Besserwisserei
verstoßen gegen die christliche Liebe
- schaffen ein schlechtes, beunruhigtes Gewissen
treten bewußt und fordernd auf
erwecken falschen Leistungsdruck
drohen Strafen oder Versäumnisse an
stellen Forderungen, die Unruhe, Unsicherheit oder Mutlosigkeit erzeugen
- wählen oft verworrene Zick-Zack-Wege
drücken sich gerne verwaschen und unklar aus
ändern sehr oft ihre Meinung
wollen Übereifer und damit Überforderung erzeugen
- geben oft widersinnige, unnatürliche Anweisungen
- bedrängen, stellen ultimative Forderungen
weisen auf "schlimme Versäumnisse" hin
- lähmen unser Handeln, führen zur Passivität
verharmlosen wichtige Aufgaben
halten uns ab von notwendiger Mitarbeit
- machen uns rechthaberisch, lieblos, verbittert
stellen unsere Fehler und Schwächen in ein so trübes Licht,
daß wir hoffnungslos und passiv werden
lassen uns unnütz und hilflos erscheinen
erzeugen Angst und Furcht
bewirken Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und Verzweiflung
- führen uns von Jesus weg, auch wenn sie außergewöhnliche
Bußleistungen, besondere Gebet oder andere Sonderleistungen fordern
wollen uns durcheinander bringen durch unsinnige Forderungen
verursachen Unruhe und Unfrieden in uns
- weisen uns auf "unsere Rechte" hin
führen zu Trotzköpfigkeit und Starrsinn
zeigen uns, daß "auch wir" ein Mensch sind, der einmal einen
Anspruch stellen kann
stellen unsere Fehler und Sünden als schlimme Vergehen hin,
die nie mehr gutzumachen sind
- beharren auf unwesentlichen, unwichtigen Dingen |
+ verstößt nie gegen
die Liebe
macht uns bereit zu uneigennütziger Liebe
+ schenkt innere Ruhe, Kraft und Sicherheit
erscheint nie forsch, fordernd oder ungeduldig
setzt uns nicht unter Druck
gebraucht nie Angst, Furcht oder Drohung
strahlt Kraft, Ruhe und Sicherheit aus
+ führt einen geraden, einsichtigen Weg
gibt klare Anweisungen, entscheidet nie sprunghaft
gibt wichtige Anweisungen auch ein zweites Mal, wenn ich ihn darum
bitte
führt uns wie Kinder, die Hilfe brauchen
läßt uns in Freiheit echte Kinder Gottes sein
+ handelt nie gegen die göttlichen oder gegen die Naturgesetze
+ läßt reifen und wachsen
läßt uns Zeit
bittet, regt an, führt zum gefestigten Nachdenken
+ gibt uns Anstöße zum Tätig-werden
weckt auf, wenn wir trödeln oder bummeln wollen
läßt uns mitwirken an der Schöpfung
+ macht uns hellhörig für jede Sünde
zeigt uns unsere Fehler und Schwächen so, daß wir uns
gerne ändern wollen
+ schenkt uns neuen Mut und neue Hoffnung
gibt uns befreiende Anweisungen
weist uns zärtlich und liebevoll auf Ungerechtigkeiten, Inkorrektheiten,
Unwahrhaftigkeiten und Lieblosigkeiten hin
+ führt nur zu Jesus hin, nie von ihm weg
erweckt echte Demut, das heißt: Mut zum Dienen an den Menschen,
Mut zum Dienen für Jesus
will keine außergewöhnlichen Leistungen, sondern vor allem
Frieden, Liebe und Vertrauen
führt zum Handeln "aus Liebe zu Jesus"
+ führt zur Vergebung und Versöhnung
zeigt Wege zur Befreiung aus Sünde und Schuld
führt zur Versöhnung mit Gott in der Beichte
macht feinfühlig für die Sorgen der anderen
+ führt zum Wesentlichen |
4. KRITERIEN UND ANZEICHEN EINER BERUFUNG
I. Tragfähige Motivation
Die folgenden Sätze wollen schematisch,
von verschiedenen, sich nicht aus-, sondern einschließenden Ansätzen
her, die Grundstruktur einer tragfähigen Motivation skizzieren, die
einer Berufung entspricht. Verkürzungen und Einseitigkeiten der Motivation
sind im Anfangsstadium des Wachstums geistlicher Berufung kein Zeichen
gegen die Echtheit. Wohl aber ist es unerläßlich, daß
sich auf Dauer die rechten Motive in der Haltung und im Verstehen durchset-zen.
Leben und Wollen des Berufenen erhielten dann in etwa folgende Gestalt:
* Gott, du bist groß - Gott, du
bist gut - tu mit mir, was du willst!
* Gott, du bist wirklicher - Gott, du
bist wichtiger, das soll mein Leben sein!
* Die da brauchen dich, Gott - sie brauchen
Menschen - Gott, brauche mich!
* Liebe hat mehr recht, Liebe ist stärker
- ich glaube an die Liebe - ich will dafür leben, daß viele
an die glauben!
(P. Willi Lambert SJ, in: WEGBEREITER.
Magazin für Berufe der Kirche 1/96, 12f.)
II. Elementare menschliche Merkmale einer
Berufung
1. Mut zum Mehr - Mut zum Weniger.
Der rufende Gott ist der je größere
Gott, der zielstrebige Beharrlichkeit oder leidenschaftliche Unruhe nach
dem Je-Mehr der Liebe hervorruft, den Entschluß, nicht bei dem Halt
zu mache, was "man" für Gott und für den Nächsten tut. Die
Kehrseite: Bereitschaft, für sich selber auf Genuß, Macht, Prestige
zu verzichten, sich auch ins zweite Glied zu stellen. Gott und die anderen
sind wichtiger als ich und meine Interessen.
2. Konzentration aufs Eine - Öffnung
für alle.
Eines nur ist notwendig, einer nur ist
notwendig. Dieser Eine aber ist jener, der alle im Herzen trägt, der
seine Liebe allen zuwendet. Leidenschaft für Gott und Leidenschaft
für die Menschen, Alleinseinkönnen und Kontaktfähigkeit,
Vorliebe fürs Gebet und Offenheit zum Gespräch gehören innerlich
zusammen. Auch kon-templative Berufungen sind Berufungen für die Welt,
auch aktive Berufungen fordern den Dienst aus der Mitte, die Einkehr in
der Mitte.
3. Demut - Selbstannahme.
Meine Grenzen erkennen, wissen, daß
Gott und die anderen wichtiger sind als ich, erfahren, daß ich nichts
vermag ohne den, der mich stärkt: Das ist unerläßlicher
christlicher Realismus. Demut bedeutet aber gerade nicht Selbsthaß
oder Selbstverachtung, sondern Liebe zum eigenen Nichts, das ja von Gott
geliebt ist. Ich bin Staub, aber unendlich geliebter Staub.
4. Fähigkeit zur Entscheidung - zum
Abschied - zur Treue.
Gottes Ruf braucht ein Ja. Wer nie klar
ja sagt, wer immer zögert und revidiert, wird seine Hand nicht an
den Pflug legen können, ohne zurückzuschauen (vgl. Lk 9,62).
Ja zum einen Weg heißt aber immer auch Nein zu anderen Wegen. Wer
auf keine seiner Möglich-keiten verzichten, wer keine verschenken
will, der kann auch nicht die eine, zu der Gott ruft, ganz ergreifen und
realisieren. Lassen, was hinter mir liegt, mich ausstrecken nach dem, was
vor mir liegt (vgl. Phil 3,13): Besonnener, aufgearbeiteter, aber klarer
Abschied. Nur er ermöglicht Treue.
5. Wegbereitschaft, Wegfähigkeit.
Berufung ist ein Weg. Nur der vermag
auf diesem Weg zu gehen, der bereit und fähig ist, sich nicht zu fixieren,
nicht stehenzubleiben - selber zu gehen und sich nicht nur ziehen zu lassen
- mitzugehen, sich in die Weggenossenschaft einzufügen - Schritt für
Schritt zu gehen.
6. Umkehr der Maßstäbe, "neue"
Logik.
Entscheidendes Kriterium für Berufung
ist die Bereitschaft, in die "andere" Gesinnung Jesu hineinzuwachsen (vgl.
die Evangelienworte über die Kreuzesnachfolge und das "Verkaufen"
und "Verlassen"). Die Grundstruktur solcher neuen Logik: Schwierigkeiten
und Dunkelheit wirken nicht Resignation, sondern Aushalten, Geduld - Geduld
wirkt Gelassenheit, Erfahrung, Bewährung - daraus wächst Hoffnung,
die in der Liebe gründet und sich nicht enttäuschen läßt
(vgl. Röm 5,1-5).
7. Allein gegen den Strom schwimme - Glied
sein des eigenen Leibes.
Der Mut zur Unterscheidung und der Mut
zur Einfügung, ja zum Gehorsam, die Fähigkeit zum unkonventionellen
Zeugnis und zugleich zu Kommunion und Kooperation sind nicht nur pragmatisch
notwendig, sondern geistliches Grunderfordernis für jeden Berufenen.
8. Ja zum Leib - Ja zur Hingabe des Leibes
Nachfolge und Berufung sind immer Sache
des ganzen Menschen. Wer seine Leibhaftigkeit verdrängt oder vernachlässigt,
bringt nicht sich selber in die Berufung ein. Das "Neue" christlicher Berufung:
Weil Gott sich gibt, sind wir als Gottes Bild auch dazu da, uns zu geben.
Und so ist Leib immer dazu da, daß der Mensch sich hingibt. Gerade
auch der Verzicht und die Enthaltsamkeit sind nicht Formen der Leiblosigkeit,
sondern Erfüllung einer auf Hingabe hin verstandenen Leibhaftigkeit.
9. Loslassen - Einbringen; Verzichten
- Gestalten.
Die "Armut", das "Verkaufen", die Loslösung
vom Besitzen, Planen und Verfügen sind Grundvoraussetzungen, um Jesu
Ruf zu folgen. Solches Loslassen ist aber nicht nur Negieren. Was ich lasse,
soll ich einbringen, ich soll gelassen mit ihm umgehen, ich soll es weiterschenken.
Der Verzicht eines Franz von Assisi ist neue Nähe zur Welt.
10. Beurteilen, nicht urteilen.
Im Licht Gottes sich und die Welt und
die anderen sehen, die Geister unterscheiden können - diese Gaben
des Geistes sind nicht mit unserer natürlichen Intelligenz gleichzusetzen.
Sie knüpfen aber an unserem gesunden menschlichen Urteilsvermögen
an - und an unserer Bereitschaft, uns nicht an unser Urteil zu versklaven.
Kritikfähigkeit, Fähigkeit, die Perspektive eines andern zu verstehen,
und wissen, daß die Liebe mehr sieht: dies sind Kriterien einer Berufung,
denen der Berufene Schritt um Schritt näher kommen soll.
III. Aus der Perspektive des Evangeliums
Die Berufungsgeschichten des Evangeliums,
aber mehr noch das Ganze seiner Verheißung und Forderung sind nicht
nur der Maßstab einer jeden Berufung, sie lassen auch die Voraussetzungen
sehen, die erfordert sind, wenn einer mit seiner Existenz nichts anderes
sein will als "Evangelium", als "Antwort" an Gott und "Zeugnis" für
Gott. Darum aber geht es bei Berufung.
Dies bedeutet:
* Lebensentscheidung für Gott (vgl.
z.B. Mt 6,33; Mk 1,15).
* Kehrseite: Alles verlassen (vgl. z.B.
Mk 1,20; Mk 10,17-31; Lk 14,25-35).
* Leben "auf sein Wort hin" (vgl. z.B.
Lk 5,5; Joh 6,67-69; 14,23f).
* Glauben an die Liebe (vgl. z.B. Gal
2,20; 1 Joh 4,16).
* Die Liebe durch Liebe bezeugen (vgl.
z.B. Mk 12,28-34; Joh 13,34; 1 Kor 13).
* Das Kreuz tragen (vgl. z.B. Mk 8,34-38;
Mt 10,37-39; Joh 12,24-26; Röm 5,1-5).
* Leben mit dem lebendigen Herrn (vgl.
z.B. Joh 15,1-8; Phil 3,7-14; Kol 3,1-11).
* Einheit leben, Einheit stiften (vgl.
z.B. Joh 17,20-26; 1 Kor 12, Phil 2,1-11; Eph 4,1-16).
(Bischof Klaus Hemmerle, Kriterien und
Anzeichen einer Berufung, in: Das Wirken des Geistes deuten. Hilfen zur
Weckung und Förderung geistlicher Berufe, hrsg. vom Sekretariat der
Deutschen Bischofskonferenz, Bonn, 1979, 51-55)
5. WER DIE WAHL HAT, HAT DIE QUAL -
Auf die Signale von innen hören
Drei grundlegende Fragen bei der Entscheidungssuche:
1. Paßt meine Entscheidung zu meiner
Beziehung zu Jesus Christus, zu meinem Glauben an den Gott meines Lebens?
Zum Vergleich: Wenn jemand verheiratet ist, wird er bei jeder wichtigen
Entscheidung sich fragen müssen: Paßt mein beabsichtigter Berufsplan
oder der Wohnortwechsel zu meiner Lebens-Beziehung, zu meiner Frau und
meinen Kindern oder nicht?
2. Habe ich bei der Entscheidung ein "gutes
Gefühl", ist das "stimmig"? Hier lauscht man auf den inneren Frieden,
die innere Freiheit, sein Herz. Wenn über längere Zeit eine Unruhe
bleibt, dann stimmt an der Entscheidung etwas nicht.
3. Hält meine Entscheidung ruhigen,
gründlichen Überlegungen stand: Was beinhaltet denn die Entscheidung
alles? Gibt es nicht sinnvolle Alternativen? Bin ich damit überfordert?
Gehorche ich nur einer Augenblicksbegeisterung?
Diese grundlegenden Hinweise zum Entscheiden
im Heiligen Geist sollen nun auf die Frage nach der Berufswahl angewandt
werden.
A. Hilfen für den geistlichen Umgang
mit Entscheidungen
- Betend mit der Entscheidung vor dem
Gott dasein, der ein "Freund meines Lebens" ist.
- Betend Gott selber ein "Angebot"
machen, seinen Geist in sich entscheiden lassen und so Gottes Wahl wählen.
Man kann sich innerliche Jesus Christus vergegenwärtigen und - ähnlich
wie die Jünger - ihm das eigene Suchen anvertrauen. Da wächst
bald oder nach einiger Zeit eine Antwort heran.
- Man kann sich fragen: Wenn ein Mensch,
der mir freundschaftlich sehr nahesteht, mit meiner Entscheidungsfrage
zu mir käme: Was würde ich ihn fragen und was würde ich
ihm raten?
- Man kann sich sehr genau, phantasievoll
und konkret vorstellen, wie das alltägliche Leben mit der Entscheidung,
mit dem gewählten Beruf aussieht. Dies sollte man möglichst konkret
im "Simulator der Phantasie und des Herzens" durchspielen und dann schauen,
wie die innere Reaktionen sind: Ob sie Ruhe, Klarheit, Frieden geben oder
Unruhe, Nebel usw.
- Das Gespräch mit Menschen, die
einen kennen und es gut mit einem meinen, ist eine wichtige Entscheidungshilfe.
Auch wenn man manches Mal "gegen" die Eindrücke und Wünsche von
jemandem entscheiden muß, um des eigenen Weges willen.
- Das Gespräch mit verschiedenen
Menschen, die den Beruf leben und den Weg gehen, den ich vorhabe, einzuschlagen.
Sie haben zwar auch ihr "Betriebsblindheit", können aber doch den
konkretesten Eindruck vermitteln.
- Gespräche mit Gleichaltrigen, die
einen gleichen oder ähnlichen Weg zu gehen beabsichtigen, können
wertvolle Hinweise geben.
- Wenn ein Ausprobieren, ein Praktikum
über eine Zeit hinweg möglich ist, dann kann sich da manches
klären.
- Eine gute Hilfe - vor allem bei wichtigen
Entscheidungen - können Exerzitien sein, d.h. Tage, in denen man vor
allem im Gebet und im Gespräch mit einer geistlichen Begleitung zu
erspüren versucht, wohin Gottes Geist einlädt und führen
will.
- Es ist gut, wenn die Entscheidung gefallen
ist, sich noch eine Zeit des Abwartens, des Überprüfens, der
Bestätigung zu nehmen.
B. Negative Anzeichen bei einer Entscheidung
Wenn jemand bei einer Entscheidung mehrere
der folgenden Fragen mit "Ja" beantwortet, dann zeigt dies, daß die
Entscheidung in die falsche Richtung geht oder noch nicht durchgereift
genug ist:
- Spüre ich beim Gedanken an meine
Wahl dauernd etwas Unruhiges, Fiebriges, Nervöses in mir?
- Habe ich den Verdacht, daß das
Vorhaben doch mehr ein "Stroh-feuer" bloßer Augenblicksbegeisterung
ist, von einem einzelnen starken Erlebnis beeinflußt ist, aber nicht
tiefe Wurzeln gefasst hat?
- Habe ich eigentlich mit niemandem so
richtig darüber gesprochen?
- Bin ich mehr von außen beeinflußt,
als daß die Entscheidung still und von innen her kommt?
- Habe ich mich noch gar nicht richtig
vertraut gemacht mit dem, was die Entscheidung ganz konkret bedeutet?
- Habe ich mich eigentlich nur ganz kurz
mit der Entscheidung beschäftigt?
- Bin ich eigentlich gar nicht betend
mit dieser Frage vor Gott gewesen?
- Kommt es mir so vor, daß ich zu
sehr aktivistisch die Entscheidung gefällt habe und sie mir eigentlich
nich zugefallen ist und geschenkt wurde?
Bei allen Versuchen, Gewißheit und
Klarheit zu gewinnen, ist eines wichtig: Sie "ersparen" uns nicht das Vertrauen!
Christsein heißt, im Glauben und in der Hoffnung die Liebe zu leben.
(P. Willi Lambert SJ, in: WEGBEREITER.
Magazin für Berufe der Kirche 1/96, 12f.)
Post an P. Willibrord: willibrord@erzabtei.de
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