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In der vergangenen Nacht starb hier in St. Ottilien unser verehrter Altprior

P. Paulus Matthäus Hörger OSB

Doktor der Theologie, Bischöflicher Geistlicher Rat, Profeß- und Priesterjubilar. In vielen Ämtern hat er in einem langen Ordensleben unserer Gemeinschaft treu gedient. 38 Jahre lang unterstützte er unsere Erzäbte als Prior in der Leitung des Klosters. Er stand im 87. Lebensjahr.

Matthäus Hörger kam am 9. Januar 1910 im schwäbischen Legau zur Welt als Sohn des Gemeindeschreibers Joseph Hörger und seiner Frau Antonia, geb. Prestele. Er war das dritte und letzte Kind der Familie; in der Taufe erhielt er den Namen seines im Vorjahre verstorbenen Bruders Matthäus.

Nach dem Besuch der Volksschule trat er 1923 ins Missionsseminar in St. Ottilien ein und wechselte nach sechs Jahren in unser Studienhaus in Dillingen, wo er das Absolutorium am öffentlichen Gymnasium ablegte. 1932 bat er um Aufnahme in die Erzabtei. Zum Noviziatsbeginn erhielt er den Völkerapostel als Namenspatron und legte am 9. Oktober 1933 die Gelübde ab.

Nach einjährigem Studium an der Philosophischen Ordenshochschule in St. Ottilien brach fr. Paulus 1934 nach Rom auf, um in Sant'Anselmo weiterzustudieren. 1937 erlangte er das theologische Bakkalaureat. 1938 wurde er am 24. Juli von Bischof Joseph Kumpfmller in St. Ottilien zum Priester geweiht. Er setzte seine Studien in Rom fort und blieb wegen der sich in Deutschland immer mehr verschlechternden Situation in Italien. 1940 wurde er mit einer Arbeit über die Notwendigkeit der Beichte nach der Lehre des Tridentinischen Konzils zum Doktor der Theologie promoviert. Im römischen Kloster St. Paul vor den Mauern und in Sant'Anselmo wurde er nun Dozent für dogmatische Theologie, besuchte Kurse am Biblicum und unterstützte Abtprimas Fidelis von Stotzingen bei der Aufrechterhaltung des internationalen Benediktinerkollegs in dieser schweren Zeit. Seiner Aufsicht wurden die Gärten und das Vieh anvertraut, beides angesichts der sich zuspitzenden Versorgungslage von großer Bedeutung für die dort verbliebene Gemeinschaft.

Im April 1946 kehrte er über Kloster Gries bei Bozen, das ihm während der Kriegsjahre allsommerlich Unterkunft gewährt hatte, nach St. Ottilien zurück. Hier hatte der Wiederaufbau der Gemeinschaft begonnen, und P. Paulus wurde als Zelator dem Novizenmeister P. Chrodegang Hartmann beigestellt. Den beiden oblag die schwere Aufgabe, eine Novizengeneration ins Mönchtum einzuführen, denen nach herben Kriegserfahrungen manch aszetische Stilisierung kaum mehr zu vermitteln war. Es ist der Gelassenheit und menschlichen Reife von P. Paulus zuzuschreiben, daß dies gelang. Ebenfalls noch 1946 wurde er Oblatenrektor; fast ein halbes Jahrhundert lang, bis 1992, war er der gütige Führer und Begleiter einer großen Schar von Oblaten und Oblatinnen. Ein dritter Schwerpunkt seines Wirkens in diesen Nachkriegsjahren wurden die Volksmissionen.

Das Amt aber, in welchem seine Gaben voll zum Tragen kamen, erhielt er 1952: In diesem Jahr räumte P. Suso Brechter die Priorenstalle, um eine Professur für Missionswissenschaft an der Universität München anzutreten. An seiner Stelle ernannte Erzabt Chrysostomus am 19. September 1952 P. Paulus zum Prior von St. Ottilien, ein Amt, das er fast 39 Jahre lang bekleiden sollte.

Der junge und imposante Prior von St. Ottilien wurde eine Stütze für den alternden Erzabt, dessen Kräfte zu ermatten begannen, nachdem er die Gemeinschaft und die Kongregation durch die beiden großen Krisen eines Finanzdebakels in den 30er Jahren und der Aufhebung unter den Nationalsozialisten gesteuert hatte.

Auch unter dessen Nachfolger, Erzabt Suso Brechter (1957-74), trug P. Paulus dieses schwere Amt auf seinen breiten Schultern. Es waren die Jahre des Konzils, Jahre des Aufbruchs, in denen es auch Überspitzungen und Verhärtungen gab. Prior Paulus gelang es, manchen Zwiespalt zu überbrücken, manch aufbrechende Spannung mit Gelassenheit zu beschwichtigen. Ideologische Aufgeregtheiten glitten an ihm ab, und seine tiefe christliche Humanität half vielen Mitbrüdern, zerbrochene Gewißheiten und enttäuschte Erwartungen zu ertragen und zu verwinden. Er wurde, in den Worten eines Mitbruders, zur Mutter des Konvents.

Erzabt Viktor Dammertz (1975-1977) sicherte sich ebenfalls den Dienst dieses erfahrenen Stellvertreters. Als nach nur zwei Jahren die Abberufung des neuen Erzabtes auf den Posten des Abtprimas drohte, setzte P. Paulus alle Hebel in Bewegung, um dieses Unglück für St. Ottilien zu vermeiden. Seine dringliche Bitte, eine solche Wahl nicht anzunehmen, erreichte Sant'Anselmo erst während des Te Deums für den Neugewählten, ein Dankgebet, in das einzustimmen unsere Gemeinschaft zunächst nicht in der Lage war.

Notker Wolf (gewählt 1977) wurde der vierte Erzabt, unter dem P. Paulus als Prior diente. Inzwischen vorgerückten Alters und reich an Erfahrung, war er willkommene Ergänzung und ruhender Pol inmitten des frischen Aufbruchs einer neuen Ära. Seine beständige, unaufdringliche doch sehr wahrnehmbare Präsenz gab dem Konvent Kraft und Rückhalt für treues Klosterleben und Offenheit für neue missionarische Unternehmungen.Neben dem Priorenamt war P. Paulus immer wieder bereit, andere Aufgaben zu übernehmen. 1953 wurde er für einige Jahre Magister der Chornovizen und während der 60er Jahre versah er das Amt des Klerikerpräfekten. Seit 1972 leitete er das Exerzitienhaus, das zu einem Schwerpunkt unserer Seelsorge wurde. Zwei Jahrzehnte lang gehörte er dem Priesterrat der Diözese Augsburg an und war immer wieder dessen Sprecher in heiklen Missionen. Bischof Joseph Stimpfle ehrte ihn 1969 mit dem Titel Geistlicher Rat. Angetragene Abtswürden schlug er mehrfach aus.Zu Beginn des Jahres 1991 entsprach Erzabt Notker seiner wiederholten Bitte um Entpflichtung von der Bürde des Priorenamtes, und am 17. Februar 1991 wurde sein Nachfolger P. Claudius Bals installiert. Damals und auch heute ist die Dankbarkeit groß, die wir beim Rückblick auf das Leben und den Dienst von P. Paulus empfinden. Unter seiner fürsorglichen Hand gedieh unsere Gemeinschaft, deren Oberer ja auch noch für eine ganze Kongregation Verantwortung zu tragen hat. Die Hauptsorge unseres Priors Paulus war menschlich und geistlich; er hinterließ im Kloster keine Denkmäler, aber das Andenken an seine Güte, seine Gelassenheit und seinen Humor wird in den Herzen der Mitbrüder, der Oblaten und vieler anderer lange Zeit überdauern. Er war ein aufrechter Christ, treuer Mönch, frommer Priester und weiser Oberer. Er entschlief friedlich am 6. Februar kurz vor Mitternacht im Beisein einiger Mitbrüder. Wir bitten für unseren lieben Verstorbenen um ein Gedenken im Gebet und am Altar.

St. Ottilien, 7. Februar 1996

Erzabt Notker Wolf und Konvent von St. Ottilien

Das Requiem und die anschließende Beerdigung halten wir am Samstag, 10. Februar 1996,