Am 7. September 2000 wählten die versammelten Äbte des Benediktinerordens den Erzabt
von St. Ottilien zum neunten Abtprimas. Notker Wolf trat das Amt sofort an und verzichtete
gleichzeitig auf seine bisherigen Aufgaben als Leiter des großen oberbayerischen
Missionsklosters und der weltweiten Benediktinerkongregation von St. Ottilien mit fast 1100
Mönchen in 18 Ländern.
Die überraschende Neuwahl des Abtprimas war notwendig geworden, weil der bisherige
Amtsinhaber Marcel Rooney nach nur vier Jahren aus Gesundheitsgründen seinen Rücktritt
erklärte. Die nächste reguläre Primaswahl wäre erst 2004 fällig gewesen.
Schon einmal wurde ein Erzabt von St. Ottilien zum Abtprimas gewählt: Viktor Dammertz
übernahm 1977 die Leitung des Gesamtordens, die er fünfzehn Jahre lang in Händen
hielt. Er wurde 1992 zum Bischof von Augsburg ernannt.
Das Wahlgremium, das nun zum zweiten Mal einen Ottilianer Erzabt aus seiner Gemeinschaft gerissen
hat, ist der sogenannte Äbtekongreß. Alle vier Jahre versammeln sich die Klostervorsteher
der Benediktiner sowie Vertreterinnen der Nonnenklöster und Schwesternkongregationen und
beraten in Rom über die Geschicke des Ordens. Der diesjährige Kongreß, der nun durch
den Rücktritt und die notwendige Neuwahl bestimmt wird, sollte eigentlich im Zeichen des
Jubeljahres stehen und den versammelten Prälaten Gelegenheit zum Besuch der römischen
Pilgerkirchen bieten.
Ein Orden mit Vielfalt
Die Benediktiner sind zwar der älteste Mönchsorden der katholischen Kirche, aber
kirchenrechtlich gesehen bilden sie gar keinen richtigen Orden. Jede einzelne der 21 Kongregationen
ist selbständig, mit einem eigenen Abtpräses als oberstem Vorsteher. Gemeinsam bilden
diese Klosterverbände die "Benediktinische Konföderation", der insgesamt 341
selbständige Mönchsklöster angehören, dazu eine ähnlich hohe Anzahl von
Nonnenabteien und mehrere hundert Schwestern-Niederlassungen.
Der Abtprimas ist ihr höchster Repräsentant beim Heiligen Stuhl und soll die
authentische benediktinische Tradition wahren und das geistliche und wissenschaftliche Erbe des
Ordens schützen.
Dies sind hohe Worte, die sich nicht unbedingt sofort in konkrete Alltagsarbeit übersetzen
lassen. Anders ist das mit einer anderen Aufgabe des Abtprimas, nämlich mit der Verantwortung
für die päpstliche Benediktinerhochschule Sant'Anselmo. Er ist Großkanzler dieser
gemeinsamen Bildungseinrichtung des Ordens, und gleichzeitig letztverantwortlicher Oberer des
gleichnamigen Kollegs, in dem über hundert Studenten und Professoren aus den Klöstern des
Ordens leben und arbeiten.
Sant'Anselmo, der Amtssitz des Abtprimas
Auch eine Rückkehr
Für Abtprimas Notker Wolf ist diese Aufgabe kein völliges Neuland. Er ist selbst
Absolvent von Sant'Anselmo und war dort bis zu seiner Abtswahl 1977 Professor für
Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie.
Ein dynamisches Vierteljahrhundert
Die 23jährige Amtszeit als Erzabt von St. Ottilien ist für die Kongregation der
Missionsbenediktiner eine Zeit der Expansion gewesen, wie es sie seit den 20er Jahren nicht mehr
gegeben hat. Neben Neugründungen in Kenia, Uganda, Sambia, Namibia, Zaire und den Philippinen
wurden auch entscheidende Schritte zur Umwandlung der alten MIssionszentralen in Ost- und
Südafrika in afrikanische Benediktinerklöster gemacht. Durch den persönlichen Einsatz
des Erzabtes konnte in China und Nordkorea an das alte missionsbenediktinische Engagement
angeknüpft werden.
Aber auch die Erzabtei St. Ottilien hat sich im vergangenen Vierteljahrhundert verändert:
ihr äußeres Erscheinungsbild - Kirche und Außenanlagen - ist erneuert und auch der
Mönchskonvent mit fast 140 Mitgliedern ist verjüngt. In den Arbeitsbereichen der
Gemeinschaft wurde dem gesellschaftlichen und kirchlichen Wandel Rechnung getragen: zwei Internate
und das alte Klostergut Wessobrunn wurden geschlossen, das Ottilienkolleg in München
gründlich verschlankt. Dagegen wurde das Priorat Jakobsberg bei Mainz in den 80er Jahren zu
einem bedeutenden Bildungszentrum auf- und ausgebaut.
Aufgaben und Herausforderungen
Welche Aufgaben erwarten Abtprimas Notker nun in seinem neuen Wirkungsort? Sant'Anselmo, die
römische Primatial-Abtei, steht wirtschaftlich auf schwachen Füßen und muß
konsolidiert werden. Auch die Hochschule verlangt seine ganze Aufmerksamkeit, dazu kommen die
Nöte und Anliegen der Gemeinschaften in Rom, Jerusalem, der Schweiz, den USA und Belgien, die
ihm direkt unterstellt sind.
Eine Aufgabe wird ihn weiterhin beschäftigen, nämlich die benediktinische China-Arbeit.
Der Orden unterhält seit 4 Jahren eine eigene Kommission, die die Unternehmungen der
Klöster für und mit China begleitet. Ihr Vorsitzender war und ist der neue Abtprimas. Es
ist eine weltkirchliche Aufgabe, die etwas vom Ottilianer Schwung auf die ganze Konföderation
überträgt.