In seinem Kreuzweg (der vom 24. Februar bis 9. April 2012 in der Klostergalerie St. Ottilien zu sehen ist) hat Bernd Zimmer den letzten Lebensabschnitt Jesu so gestaltet, dass der Betrachter über Hinweise und Zeichen selbst zur Lektüre angeregt wird. Die figürlichen Elemente sind fast ganz ausgeschaltet und das blutige Geschehen auf das Kreuz zurückgenommen, das dadurch einen ungeheuren Symbolwert erlangt. Die Bildbetrachtungen von Eugen Biser führen in einfühlsamer Weise in die Bilderwelt von Bernd Zimmer ein.
1. Das Urteil
Alle Darstellungen schließen sich den Stationen des »Kreuzwegs« an, bis auf eine, die den Titel »Entschlossen« trägt. Sie bringt die Reaktion Jesu auf das im ersten Schaubild dargestellte Todesurteil zur Sprache. Demgegenüber imaginiert das erste Bild mit dem Titel »Das Urteil« die Wende von der grausamen Vorgeschichte zu der von Pilatus verfügten Hinrichtung. Von der vorangegangenen Misshandlung sind nur der Stab, mit dem dem Verurteilten die Dornenkrone aufs Haupt geschlagen wurde, und diese zu sehen, während das Kreuz wie eine blutige Drohung aus der Tiefe aufsteigt.
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2. Entschlossen
Mit »Entschlossen« bringt der Künstler zum Ausdruck, dass das Leiden für Jesus nicht nur qualvolles Widerfahrnis, sondern zugleich höchste Aktion ist. Deshalb bricht aus dem aufgerichteten Kreuz eine Flamme hervor. Das Bild erinnert an den Bericht der Johannespassion, wonach der durchbohrten Seite Jesu »Blut und Wasser« entströmten (Joh 19,34), auch dies ein Hinweis auf die im Leiden Christi verborgene Aktivität.
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3. Erster Sturz unter dem Kreuz
Im nächsten Bild beschreibt der Zyklus den ersten Sturz Jesu unter der Last des Kreuzes. Jetzt erscheint das Kreuz erstmals in seiner ganzen Wucht im Zentrum der Darstellung. Es ist das zentrale Symbol des Geschehens, das deshalb auch diesem den Namen - Kreuzweg - gibt. Eine Blutspur zieht sich von seiner Mitte nach unten, die niemand auffängt und die im Sand verrinnt.
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4. Erscheinung der Mutter
Das ruft die Mutter auf den Plan, die nur als weißes Feld in Erscheinung tritt, dafür aber durch einen blutroten Streifen, Symbol ihres das Kreuz nur tangential berührenden und von da an auf sie zurückfallenden Schmerzes. Soll das heißen, dass auch die Mutterliebe nicht an den Kreuzträger herankommt, und dass das Kreuz für den Verurteilten eine Last bleibt, die ihn noch wiederholt niederzwingt?
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5. Simon von Cyrene hilft
Bevor es dazu kommt, zeigt sich zweimal das Mitleid. Das erste Mal in Gestalt des Symon von Cyrene, der auf seiner Rückkehr vom Feld, wo er Bitterkräuter für das Paschamahl einholte, vom Hinrichtungskommando gezwungen wird, Jesus das Kreuz abzunehmen. Unwillkürlich entspricht das dem Verlauf der Blutspur, die nun immer deutlicher als Symbol Jesu lesbar wird.
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6. Veronikas Schweißtuch
Ein zweites Mal nimmt sich das Mitleid in Gestalt der durch ihr Schweißtuch symbolisierten Veronika des Herrn auf seinem Todesweg an. Die als Symbol Jesu begriffene Blutspur schlingt sich um das Kreuz, ganz so, als kehre sie zu sich zurück, nachdem sie sich dem Schweißtuch eingeprägt hatte.
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7. Zweiter Sturz
Umso schrecklicher ist der im folgenden Bild geschilderte zweite Sturz. Es ist sein Absturz in den Abgrund der Einsamkeit. Keine Hand rührt sich, oder wäre auch nur da, um ihm aufzuhelfen. Nur der durch den Lichtstrahl symbolisierte Vater weiß um seine Not, während alle, die ihn bisher quälten oder ihm tröstend und helfend beigestanden haben, wie ausgelöscht sind.
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8. Klagende Frauen
Jetzt aber nahen sich im nächsten Bild die weinenden Frauen, die ihm (nach Lk 23,27) die im Orient heute noch übliche Totenklage halten. Im Gegensatz zur vorangehenden Vereinsamung hüllen sie ihn jetzt wie stehende Leichentücher geradezu ein, während die rote Blutspur ihre Zuwendung mit seinem Dank beantwortet. Gleichzeitig überwächst das aufgerichtete dunkle Kreuz drohend und wegweisend für das Kommende die ganze Szene.
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9. Dritter Sturz
Bevor es dazu kommt, bricht Jesus zum dritten Mal unter der Last des Kreuzes zusammen. Mit seiner ganzen Wucht schlägt es ihn zu Boden. So symbolisiert es die Erniedrigung, die seiner »Erhöhung« vorangeht. »Wenn er aber hinaufstieg«, fragt der Epheserbrief, »was bedeutet das anderes, als dass er zuvor hinabstieg in die Niederungen der Erde?« (Eph 4,9) Freilich ist das für den Brief dann auch die Voraussetzung für den folgenden Aufstieg, der sich ebenso auf seine Aufrichtung am Kreuz wie auf seine Verherrlichung als »Erhöhten« bezieht, der »bis zum höchsten Himmel emporstieg, um das All zu erfüllen« (Eph 4,10).
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10. Entkleidung
Es folgt die schauerliche Szene seiner »Entkleidung«. Drohend liegt das Kreuz als letzte Ziel- und Ruhestätte am Boden. Er aber erhebt sich, selbst zum nackten Kreuz geworden, in den nächtlichen Himmel. Bevor ihn die Nägel durchbohren, ist er von den Blicken der schamlosen Gaffer stigmatisiert und ans Kreuz geschlagen worden. Und in ihren Blicken ballt sich auch schon der Hass zusammen, der ihm die Tortur der Kreuzigung antut.
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11. Kreuzigung
Was die Blicke der Schamlosen ankündigen, vollzieht die Brutalität der Henker: sie schlagen den, der so viele Leiden gelindert und so vielen Hilflosen die heilende Hand aufgelegt hat, erbarmungslos ans Kreuz. Die Sprache dieses Bildes ist nur vom Rand her illustrativ, vor allem aber invasiv und performativ. Denn die Nägel bohren sich ebenso wie in die Hände des Gekreuzigten in das Herz des Betrachters hinein; mit seinem Herzen muß er die Last des Gekreuzigten tragen.
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12. Der Tod
In dem Bild, das den Tod Jesu auszuleuchten wagt, erhebt sich das hellstrahlende Kreuz in einer von ihm durchhellten Nacht über dem Kosmos am unteren Bildrand, der als das dunkle Reich des Todes kenntlich gemacht ist. Nichts mehr von der Grausamkeit der Henker, dem Hass der Gegner und der Liebe der klagenden Frauen. Vom Chor der Umstehenden hört man nur das Wort des die Exekution befehligenden Hauptmanns: »Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!« (Mk 15,39). Und von den Äußerungen dessen, der wie kein anderer des Wortes mächtig war, nur noch den wortlosen, dafür aber in seiner Bedeutungsvielfalt vernehmbaren Todesschrei. Doch auch dieser ist eingeschmolzen in das in seiner Herrlichkeit erstrahlende Kreuz, das in seiner strahlenden Lichtfülle den Sieg dessen verkündet, der durch seinen Tod die Todesgewalt überwunden und das Herz des Gottes der bedingungslosen Liebe erschlossen hat.
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13. Kreuzabnahme
Eine mit dem Kreuz verkoppelte Leiter verdeutlicht die Kreuzabnahme. Auf ihr kehrt der so qual- und glanzvoll Erhöhte wieder auf die Erde zurück, von der er auf so doppelsinnige Weise »erhöht« worden war. Aber auch dieser Schlussakt seiner Passion ist, entgegen dem äußeren Anschein, von Aktivität erfüllt. Denn er bringt von seiner Erhöhung alles mit, was er durch sie bewirkt hatte. Dort, auf dem Gipfel seines Aufstiegs, hatte er an das Herz Gottes gerührt und seine Liebe für die Welt erschlossen. Dort hatte er sich zugleich Gott übereignet, und mit sich alle, die »lebenslang das Joch der Todesfurcht zu tragen haben« (Hebr 2,15). Und dort hatte er den vorweggenommenen Tod, die Angst, überwunden und den Seinen das Tor zu einem angstfreien Leben erschlossen.
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14. Grablegung
Alles spricht für die endliche Ruhe nach dem ausgestandenen Leid. Und davon spricht auch das liegende, abgelegte Kreuz, mit dem die ausgestandene Qual überstanden zu sein scheint. Doch dem widerspricht der goldene Strahl, der sich durch das Fußende des Kreuzes in die Erde bohrt und zugleich zum Himmel emporsteigt. Und das heißt: was in alledem ausgeklungen ist, war ebenso Ende wie Anfang. Das Ende eines Lebens, das sich wie kein anderes für Gott und seine Sache verzehrte, aber auch der Anfang der Wirkungsgeschichte, die damit einsetzte. Denn das wahre Schlusswort sprach Gott zu dieser Leidensgeschichte im Ereignis der Auferstehung. Nur weil er auferstanden und als Fortlebender vielfach bezeugt worden ist, wissen wir durch die Botschaft seiner Zeugen um das, was er war, wollte, lehrte und wirkte. In seiner von diesem Schlussbild dargestellten Grablegung fiel, seinem Wort zufolge, das Weizenkorn in die Erde, das seither nicht aufhört, zu wirken und die Welt zu verwandeln (Joh 12,32).
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