Die Glocken von St. Ottilien

BildDer Glockenreichtum Europas hat mehrfach einschneidende Aderlässe erlebt, so im Dreißigjährigen Krieg, in den Revolutionen in Frankreich und Rußland, im Ersten und vor allem im Zweiten Weltkrieg, wo allein in Deutschland 42.583 Glocken, 77% des ganzen Glockenbestandes, für Kriegszwecke beschlagnahmt und zerstört wurden. Auch das erste Ottilianer Geläut aus der Augsburger Glockengießerei Hamm von 1905, das aus sechs Glocken (h0, d1, e, fis, a, h) mit einem Gesamtgewicht von 125 Zentnern bestand, endete so im Jahre 1941 auf dem »Hamburger Glockenfriedhof«.

BildNach der Rückgabe des von den Nazis beschlagnahmten Klosters an die Mönche standen zunächst andere Sorgen im Vordergrund. Erst zum Benediktusjubiläum 1947 – dem 1400. Todestag des Heiligen – erklang in St. Ottilien wieder eine erste Bronzeglocke. Sie war aus vier Fünfteln Kupfer und einem Fünftel Zinn von Carl Czudnochowsky in Erding gegossen worden. Diese »Benediktusglocke« (in b0) bildete die einsame Grundlage für das erste Ottilianer Nachkriegsgeläute, das allerdings aus einem anderen Glockenmaterial, aus Euphon (Messing mit einem geringen Zusatz von Silikaten), bestand. Die Beschaffung des Messings hatte die Gemeinschaft vor einige Schwierigkeiten gestellt. Der beauftragte Pater klaubte sich die Metallteile zum Teil aus alten Kampfflugzeugen auf dem benachbarten Fliegerhorst Penzing zusammen. P. Frumentius berichtete später: »Ich faßte die Aktion als eine Art Kompensation auf, für das, was uns das Dritte Reich unrechtmäßig zerschlagen hatte, vor allem durch die Klosteraufhebung. Aber nun waren wir mit Materialien genügend versorgt, tauschten teilweise um in Messingkartuschen und ließen vier oder fünf Euphonglocken zur Benediktusglocke hinzugießen. Und mit dem Gelingen kam mir der Gedanke, daß wir eigentlich noch eine ganz große Glocke haben sollten«.

BildSo entstand, nachdem der Glockenstuhl wesentlich umgebaut wurde, die 106 Zentner schwere Hosannaglocke in fis0, die am 21. Oktober 1949 in den Turm aufgezogen werden konnte. Mit ihrem Durchmesser von 2,21 m paßte diese allerdings – anders als alle bisherigen Glocken – nicht durch die »Heilig-Geist-Öffnung« im Chorgewölbe, so daß sie mit vier Flaschenzügen quer über das Dach des linken Seiten- und Querschiffes hinweg in den Glockenstuhl gebracht werden mußte. Zum großen Erschrecken aller paßte ihr Klang nicht zu den anderen Glocken, so daß man vor die traurige Alternative gestellt wurde: Entweder die »Hosanna« oder das übrige Geläut. Man entschied sich dafür, die »Hosanna« zu behalten. Es wäre auch gar nicht möglich gewesen, eine so große Glocke wieder zu zerschlagen, um sie einzuschmelzen. Und so wurden die anderen Glocken durch ein Geläute aus Zinnbronze mit den Tönen a0 – h0 – cis1 – e1 – fis1 – gis1 ersetzt. Die Gießerei, der die mangelnde Abstimmung ja auch peinlich war, hatte sich zu diesem Umtausch bereit erklärt. Das neue Bronzegeläut wurde am 4. November 1950 von Bischof Aurelian Bilgeri OSB konsekriert und dann aufgezogen. Es schlägt und läutet bis heute.

BildZum Läuten (>) drücken:

Hosanna fis° 5250 kg

Gloriosa a° 3600 kg

Assumpta h° 2250 kg

Annuntiata cis¹ 1750 kg

Ottilia e¹ 1050 kg

Apostel fis¹ 650 kg

Ulrich gis¹ 450 kg

Benediktus h¹ 350 kg