Im Jahr 1927 wurde die 1909 in Seoul gegründete Abtei St. Benedikt in den Norden Koreas nach Tokwon verlegt. Nach dem zweiten Weltkrieg nahm diese Gründung ein tragisches Ende: In der Nacht vom 9. auf den 10. Mai 1949 wurde das Kloster von der kommunistischen Geheimpolizei geräumt und die dortigen Mitbrüder und -schwestern in Gefangenschaft genommen. 38 Mitbrüder überlebten diese Zeit nicht. Seit 2008 bemüht sich unsere Kongregation um die Seligsprechung dieser Mitbrüder, den Märtyrern von Tokwon.
Zeitzeugenberichte kann man in dieser
Publikation nachlesen.
In diesem Band werden die einzelnen Märtyrer von Tokwon vorgestellt.
Das Schicksal der Märtyrer von Tokwon gehört zu den besonderen Zeugnissen christlicher Glaubenstreue im 20. Jahrhundert. Im Gespräch erläutert P. Immanuel Lupardi OSB, Vizepostulator des Seligsprechungsverfahrens, warum das Zeugnis von Abtbischof Bonifatius Sauer und seinen 37 Gefährten weit über die Ereignisse von 1949 hinausweist. Er zeichnet die Geschichte der Kirche in Korea und der Missionsbenediktiner von Tokwon nach, beschreibt die Hintergründe der kommunistischen Verfolgung in Nordkorea und zeigt, weshalb christliches Martyrium bereits im täglichen Ausharren unter Leid und Bedrängnis beginnt. Ein Zeugnis einer Kirche, die vom glaubwürdigen Zeugnis der Gläubigen lebt.
Pater Immanuel Lupardi OSB
Postulator
immanuel@ottilien.de
Mich beeindruckt vor allem die innere Freiheit dieser Menschen. Einige von ihnen hätten Nordkorea noch verlassen können, entschieden sich aber bewusst dafür zu bleiben, weil sie die ihnen anvertrauten Christen nicht im Stich lassen wollten. Ihr Zeugnis zeigt, dass christliche Berufung nicht endet, wenn äußere Sicherheiten wegbrechen. Gerade unter den Bedingungen von Haft, Hunger und Aussichtslosigkeit wird sichtbar, wie tief ihr Vertrauen in Christus verwurzelt war.
Viele Menschen verbinden Tokwon ausschließlich mit den Verhaftungen von 1949. Sie betonen jedoch, dass die Geschichte viel früher beginnt. Warum ist dieser größere Zusammenhang wichtig?
Das Martyrium von Tokwon lässt sich nur verstehen, wenn man die Geschichte der Kirche in Korea insgesamt betrachtet. Die koreanische Kirche entstand bereits im 18. Jahrhundert und wurde von Anfang an durch Verfolgungen geprägt. Die Benediktiner von Tokwon stehen daher nicht isoliert da, sondern am Ende einer langen Reihe koreanischer Glaubenszeugen. Sie sind zugleich Erben dieser Tradition und ein wichtiger Abschnitt der Missionsgeschichte in Ostasien.
Die katholische Kirche in Korea hat einen außergewöhnlichen Ursprung. Was macht sie so besonders?
Anders als in den meisten Ländern Asiens wurde die Kirche in Korea zunächst nicht von Missionaren gegründet. Koreanische Gelehrte entdeckten in Peking christliche Schriften und waren fasziniert von der Botschaft von der Gleichheit aller Menschen vor Gott und ihrer unveräußerlichen Würde. Einer von ihnen, Yi Seung-hun, ließ sich 1784 taufen und brachte den Glauben nach Korea zurück. So entstanden die ersten christlichen Gemeinschaften aus der Initiative von Laien heraus.
Schon die ersten Christen mussten schwere Verfolgungen ertragen. Welche Bedeutung hatte diese Erfahrung für die koreanische Kirche?
Die frühen Christen gerieten vor allem wegen ihrer Ablehnung bestimmter Ahnenriten in Konflikt mit der konfuzianisch geprägten Gesellschaft. Es kam im 19. Jahrhundert zu mehreren Verfolgungswellen, bei denen zahlreiche Gläubige ihr Leben verloren, darunter auch Andreas Kim Taegon, der erste koreanische Priester. Diese Erfahrungen haben die Spiritualität der Kirche nachhaltig geprägt. Das Bewusstsein, dass Glaube auch Leid und Opferbereitschaft einschließen kann, gehört bis heute zur Identität des koreanischen Katholizismus.
Als die Missionsbenediktiner aus St. Ottilien nach Korea kamen, trafen sie also bereits auf eine Kirche mit einer eigenen geistlichen Tradition?
Ja, ganz eindeutig. Die Missionsbenediktiner kamen nicht in ein religiöses Niemandsland. Sie begegneten einer Kirche, die durch Generationen von Glaubenszeugen geformt worden war. Das erleichterte die Zusammenarbeit und machte deutlich, dass Mission immer auch bedeutet, die bereits vorhandenen Gaben einer Ortskirche wahrzunehmen und zu fördern.
Die Missionsbenediktiner verbanden klösterliches Leben und Mission auf besondere Weise. Was war ihre Vision?
Für die Missionsbenediktiner bedeutete Mission weit mehr als Predigt und Katechese. Sie wollten christliche Lebensräume schaffen, in denen Gebet, Bildung, Landwirtschaft, Handwerk und soziale Verantwortung zusammengehören. Als sie 1909 das Missionsgebiet von Wonsan übernahmen, begannen sie deshalb nicht nur Gemeinden aufzubauen, sondern auch Schulen zu gründen und Katecheten auszubilden.
Tokwon wurde schließlich zu einem bedeutenden Zentrum kirchlichen Lebens. Wie muss man sich die Abtei in ihrer Blütezeit vorstellen?
Tokwon war weit mehr als ein Kloster. Dort gab es ein Priesterseminar, Schulen für Jungen und Mädchen, Werkstätten, Wirtschaftsgebäude und eine Druckerei. Gleichzeitig blieb es ein echtes Benediktinerkloster, in dem das Chorgebet und die Feier der Eucharistie das tägliche Leben bestimmten. Besonders wichtig war den Benediktinern die Ausbildung koreanischer Priester, weil sie überzeugt waren, dass die Zukunft der Kirche in Korea wesentlich von einer einheimischen Geistlichkeit abhängen würde.
Eine prägende Persönlichkeit dieser Zeit war Abtbischof Bonifatius Sauer. Welche Rolle spielte er?
Bonifatius Sauer war Apostolischer Vikar von Wonsan und später Abt von Tokwon. Er prägte die Entwicklung der Kirche in Nordkorea entscheidend. Unter seiner Leitung erlebte Tokwon in den 1930er Jahren seine Blütezeit. Für viele schien damals die Zukunft der Mission gesichert zu sein, doch die politischen Umbrüche nach dem Zweiten Weltkrieg sollten diese Hoffnungen zunichtemachen.
Nach dem Ende der japanischen Herrschaft wurde Korea geteilt. Welche Folgen hatte das für die Kirche im Norden?
Mit der Errichtung des kommunistischen Regimes unter Kim Il-sung gerieten religiöse Gemeinschaften zunehmend unter Druck. Die katholische Kirche wurde besonders misstrauisch betrachtet, weil sie mit dem Vatikan verbunden war und ausländische Missionare im Land wirkten. Kirchliche Einrichtungen wurden überwacht, Aktivitäten eingeschränkt und schließlich systematisch unterdrückt.
Wann wurde deutlich, dass für die Benediktiner von Tokwon kein Platz mehr im neuen Staat sein würde?
Spätestens 1949, als die systematische Verfolgung der katholischen Kirche begann. Priester, Ordensleute und kirchliche Mitarbeiter wurden verhaftet und unter konstruierten Vorwürfen angeklagt. Rechtsstaatliche Verfahren gab es nicht. Die Abtei wurde beschlagnahmt, ihre Einrichtungen geschlossen und ihre Mitglieder verschleppt.
Sie sprechen davon, dass ihr Martyrium mehr war als eine Folge politischer Unterdrückung. Was meinen Sie damit?
Natürlich waren die politischen Verhältnisse die äußere Ursache ihres Leidens. Aber das Entscheidende ist, dass die Ordensleute bewusst an ihrem Auftrag festhielten. Sie nahmen Verfolgung und Gefängnis in Kauf, weil sie ihre Sendung nicht aufgeben wollten. Gerade diese freie Entscheidung macht ihr Zeugnis zu einem eigentlichen Martyrium.
Was wissen wir heute über das Schicksal der Gefangenen?
Abtbischof Bonifatius Sauer starb nach Monaten der Haft am 7. Februar 1950 im Gefängnis von Pjöngjang. Viele andere wurden in das Lager Oksadok gebracht, wo sie Schwerstarbeit leisten mussten, meist in Köhlereien. Hunger, Krankheiten und fehlende medizinische Versorgung forderten zahlreiche Opfer. Dennoch bemühten sich die Gefangenen, ihr geistliches Leben aufrechtzuerhalten, indem sie heimlich den Rosenkranz beteten, Psalmen und Teile des Breviers auswendig rezitierten und einander im Glauben stärkten.
Sie sagen, christliches Martyrium beginne nicht erst mit dem Tod. Wie ist das zu verstehen?
Das Wesen des Martyriums besteht nicht allein im gewaltsamen Sterben. Ein Märtyrer ist vor allem jemand, der unter Bedingungen von Angst, Leid und Hoffnungslosigkeit an Christus festhält. Das tägliche Ausharren, das Vertrauen auf Gott und die Weigerung, den Glauben preiszugeben, gehören bereits wesentlich zum Zeugnis des Martyriums.
Welche Botschaft haben die Märtyrer von Tokwon für die Gegenwart?
Sie erinnern uns daran, dass Religionsfreiheit keine Selbstverständlichkeit ist und totalitäre Ideologien die Würde des Menschen bedrohen können. Zugleich sind sie Zeugen der Hoffnung. Sie haben daran festgehalten, dass die Würde des Menschen nicht von politischen Systemen verliehen wird und deshalb auch von ihnen nicht genommen werden kann. In einer weiterhin geteilten koreanischen Halbinsel verweisen sie damit auch auf die Möglichkeit von Versöhnung und Frieden.
Abschließend gefragt: Welche Bedeutung hätte eine Seligsprechung von Bonifatius Sauer und seinen 37 Gefährten?
Das Verfahren untersucht derzeit, ob sie im eigentlichen Sinn als Märtyrer der Kirche anerkannt werden können. Unabhängig vom Ausgang bleibt ihr Zeugnis bedeutsam. Es verbindet die Geschichte Koreas mit jener der Missionsbenediktiner von St. Ottilien und erinnert uns daran, dass die Kirche letztlich nicht von ihren Institutionen lebt, sondern von Menschen, die ihrem Glauben treu bleiben – selbst dann, wenn dies den höchsten Preis fordert.